Page 6

TRINKtime_02_2016

Aus den „Leitplanken“, die das Reinheitsgebot vorgibt, haben die deutschen Brauer bis heute rund 5.000 verschiedene Biere entwickelt. Das zeugt von Kreativität, meint auch Georg Schneider. Er ist nicht nur geschäftsführender Gesellschafter von Schneider Weisse, sondern auch Präsident von „Die Freien Brauer“ und Vizepräsident von „Brewers of Europe“. Den Vorwurf, sich auf den Lorbeeren des Reinheitsgebots auszuruhen, will er so nicht stehen lassen. „Derjenige, der den Reinheitsgebotsbrauern vorwirft, es sei ein Marketinginstrument, der muss sich eigentlich den Vorwurf gefallen lassen, dass er die Kreativität nicht besitzt, aus bestehenden Leitplanken etwas zu machen. Sondern, dass er eigentlich nur versuchen will, andere Bierstile zu kopieren.“ Kreativ trotz Leitplanken Andere Brauer lassen den Vorwurf der mangelnden Kreativität nicht auf sich sitzen und schicken sich an, neue Braustile zu finden, die sich mit den Vorgaben des Reinheitsgebots vereinbaren lassen. „Das deutsche Reinheitsgebot sollte nicht als Dogma gesehen werden, sondern als Teil unserer weltbekannten Bierkultur, zu der vor allem eine enorm große Biervielfalt, spannende regionale Bierstile sowie ein hoher Qualitätsanspruch gehört“, bestätigt Tim Steinnus, Dipl. Biersommelier und Account Manager Gastronomie West bei Pilsner Urquell. Aktuell steht das Thema Tankbier, eine unpasteurisierte Variante von Pilsner Urquell, bei den Brauern im Fokus. „Die Brauerei beweist damit, dass sich Tradition und Innovation perfekt kombinieren lassen, um dem Bierliebhaber ein perfektes Genusserlebnis zu bereiten“, erklärt Tim Steinnus weiter. Sogar in der Hochburg des deutschen Bieres arbeitet man kontinuierlich an kreativer Entfaltung im Rahmen der „Leitplanken“: „Das Reinheitsgebot ist sicherlich kein Hemmnis für Innovationen. Es gibt immer wieder neue kreative Bierstile und Geschmacksrichtungen. Neue Hopfensorten wie Mandarina Bavaria oder andere werden auch weiterhin dafür sorgen, dass ganz neue Geschmacksrichtungen im Einklang mit dem Reinheitsgebot möglich sein werden“, bestätigt Stefan Hempl von Hofbräu München. Ein Blick in die Zukunft Einige Brauer jedoch wagen einen Blick in die Zukunft der deutschen Braukunst. Geht es nach ihnen, so wird es zu den künftigen Herausforderungen gehören, international immer beliebter werdende Bierstile mit den strengen Regularien des Reinheitsgebots in Einklang zu bringen. Einer von ihnen ist Jeff Maisel, Inhaber der Familienbrauerei Gebr. Maisel. „Auch die modernen Craft- und Edelbiere unserer Maisel & Friends-Linie sind allesamt nach dem Bayerischen Reinheitsgebot gebraut, denn mit den vielen unterschiedlichen Malz- und Hopfensorten ist eine unglaubliche Geschmacksvielfalt möglich.“ Allerdings sind für einige traditionelle, internationale Bierstile und moderne Rezepturen Zutaten wie Koriander und Orangenschalen erforderlich, die aufgrund des besonders strengen Reinheitsgebots in Bayern nicht verwendet werden dürfen. „Dass Bierliebhaber solche Spezialitäten genießen und bayerische Brauer diese kreieren möchten, verstehen wir voll und ganz – auch wir würden das gerne tun“, ergänzt Jeff Maisel. Zuvor müsste allerdings gewährleistet sein, dass auch diese Spezialitäten einer rechtsverbindlichen Grundlage bzw. einem „Reinheitskodex“ unterliegen, damit ausschließlich reine, natürliche Zutaten verwendet werden. Ohne eine solche Regelung kann nach Jeff Maisels Ansicht nicht verhindert werden, dass auch künstliche Aromen, Enzyme oder Konservierungsstoffe ihren Weg ins Getränk finden. Um diesen steinigen Weg zu gehen, haben er und seine Kollegen nun die Initiative ergriffen und den ersten Schritt getan: „Wir haben eine Arbeitsgruppe mit Brauerkollegen, Verbänden und Behörden gegründet. Unser gemeinsames Ziel ist, das Bayerische Reinheitsgebot zu bewahren. Gleichzeitig möchten wir einen verbindlichen Rahmen für die Bierstile schaffen, zu deren Herstellung vom Bayerischen Reinheitsgebot nicht zugelassene, natürliche Zutaten unerlässlich sind.“ flo Tradition und Innovation vereint Pilsner Urquell im „Tankbier“, das in Berlin und Hamburg bereits in einigen Bars ausgeschenkt wird. 6 2/2016 Foto: Pilsner Urquell Reinheitsgebot


TRINKtime_02_2016
To see the actual publication please follow the link above