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24_Stunden_Gastlichkeit_01_2016

KONZEPT CAFÉ HADLEY’S – HAMBURG Café und Musikclub, in dem Jazz im Mittelpunkt steht. l Betreiberin: Tina Heine l Mitarbeiter: 15 l Plätze: 56 (innen), 50 (außen) Tina Heine erinnert sich: „Ich wollte einfach einen schönen Ort, zu dem Leute kommen, auf die ich Lust habe – das Geld verdienen war kein Gedanke.“ Sie war erst 22 und studierte Mathematik auf Lehramt in Hamburg, als ein Bekannter aus ihrer Heimatstadt Celle sie fragte, ob sie ein Café aufmachen wolle. Sie wollte. Und machte zusammen mit Bodo Klemm, eigentlich Fotograf, aus dem ehemaligen Krankenhausraum eine Perle der Hambur-ger Gastroszene. Tina Heine ist dabei nicht „nur“ Gastwirtin. Sie gab schnell das Stu-dium auf. Und eigentlich waren auch schon vorher die Weichen in Richtung Gastrono-mie und Jazz gestellt. In ihrer Heimat Celle hatte sie bereits als Schülerin in einer Bar gejobbt. Angestiftet vom Vater engagierte sie sich früh im lokalen Jazz-Verein und traf einige Jazz-Größen. Auch im Hadley’s gab es bald Live-Jazz. Die legendären Jazzkonzerte am Montag-abend musste sie jedoch, nach Klagen ei-nes Nachbarn, inzwischen einstellen. Das und die Gespräche mit Jazzmusikern, die gerne einmal vor größerem Publikum auf-treten wollten, führten dazu, dass Tina Hei-ne mit einer Eventmanagerin das Elbjazz Festival gründete. Auf Docks mitten im Ha-fen oder auch Schiffen jammen Größen wie Gregory Porter (den Elbjazz für das deut-sche Publikum entdeckte), Jamie Cullum oder Joshua Redman. Und sobald sie wie-der in Hamburg sind, kommen sie auf einen Drink ins Hadley’s. Als Joss Stone kürzlich Interviews gab, lud sie dazu ins Hadley’s. Tina Heine gelang es, den Jazz aus der Studien-ratsecke zu holen und einem größeren Publikum von bis zu 20.000 Menschen zu öffnen. Sie ist keine Jazz-Fanatikerin, er ist für sie eher schöne Begleitung zu einem guten Glas Wein und guten Gesprächen, wie es etwa in den New Yorker Jazz-Clubs üblich ist. Entspannt und behaglich wirkt das Hadley’s – Bohème-Flair. Gäste, die wie Autoren oder Professoren aussehen, schreiben oder lesen bei einem Snack und einer Tasse Es-presso oder Cappuccino im cremefarbenen Gastraum mit Schwarzweiß-Fotos bekannter Jazzmusiker, Spiegeln und einer Diskokugel an der hohen Decke. Es ist eine klassische Bar im Zentrum, ein doppelstöckiger Wintergarten mit gemütlichen Sofas und Sesseln mit Blick auf den weitläufigen Hinterhofgar-ten komplettieren die eklektische Harmonie. Der Brunch am Wochenende lockt ein jünge-res, studentisches Publikum. Abends ist das Publikum eher zwischen 30 und 50 Jahren, mit einem hohen Frauenanteil. „Ein Ort, an dem man sich zurücklehnen und Pläne schmieden kann“, beschreibt Tina Heine. Die besondere Atmosphäre lockt auch die Filmszene. Werbeclips ent-standen hier, der Tatort drehte eine Szene und das Filmfest Hamburg lädt hier zu Pre-mierenparties. Für viele Musiker ist es wie das zweite Wohnzimmer. Auch Bela B. oder Smudo waren Stammkunden, als sie im Viertel wohnten. Nichts, was hip ist Neben dem Flair schätzen die Gäste auch die Karte. Tina Heine legt Wert auf gute Produkte. Etwa Kaffee von Elbgold, Berg-bauernkäse oder Südtiroler Hirschwurzen, die sie über dertiroler.de von Bergbau-ern bezieht. Obwohl die Küche winzig ist, schaffen es die Mitarbeiter, dort allmit-täglich drei Hauptessen zu zaubern, z. B. selbstgemachte Spätzle oder Eintöpfe. Zum Brunch am Wochenende werden alle Auf-striche selber produziert. Das kommt an. Daher bereut es Tina Heine auch, zu Beginn keine größere Küche eingebaut zu haben. Das regelmäßig wechselnde Weinangebot liefert ein befreundeter Online-Weinhänd-ler. Bier gibt es aus Pilsen und Weihenste-phan: „Craft Beer ist nichts für mich, ich mag nichts, was hip ist“, erklärt Tina Heine. Die Atmosphäre verführt sowieso eher zum Wein- oder Cocktailtrinken, z. B. an Som-merabenden im lauschigen grünen Hinter-hof. Im kommenden Sommer kommt ein „Weingarten“ zur Straße hinzu. Natürlich gibt es immer noch Jazz, soweit es der empfindliche Nachbar zulässt. Freitags sorgt der Jazzer Patrick Pagels abwechselnd als Gitarrist oder DJ für groovige Klänge. Jeden Sonntagnachmittag gibt es „Cool Cake“, Kuchenbuffet und Kaffee zu Live-Jazz. Als ihr das Elbjazz nicht viel Zeit ließ, sta-gnierte der Laden etwas und die Umsätze gingen zurück. Mit einem Relaunch der Karte und Renovierungsarbeiten – die Bar wurde etwas reduziert – sowie mehr eigener Präsenz brachte Tina Heine das Hadley’s wieder in den richtigen Schwung. Tina Heine muss nun, auf Druck eines In-vestors, die Geschäftsführung ihres Elbjazz Festivals abgeben. Zwei verregnete Jahre hatten zu hohen Verlusten geführt. Aber sie schmiedet schon neue Pläne. Das Hadley‘s wird an verschiedenen anderen Orten Kon-zerte veranstalten. Nebenbei ist sie auch Fotografin und lehrt Kulturmanagement. Im letzten Jahr arbeitete sie etwa 100 Stunden die Woche, „aber das waren auch schon mal mehr“, bekennt sie. Die Namenspatin Had-ley Richardson hatte dagegen fast schon ein langweiliges Leben. Florian Maaß www.hadleys.de ERFOLGSFAKTOREN ➙➙ Engagierte Patronin ➙➙ Spezialisierung auf Jazz ➙➙ Jede Menge Flair, Authentizität ➙➙ Interessante Gäste 24 Stunden Gastlichkeit 1/2016 31 Foto: Café Hadley‘s


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