Page 13

TRINKtime_02_2015

Euphorie der Wiedervereinigung erstmals in Berlin verliebte, war es wirklich schwierig, ein gutes Glas Riesling aufzutreiben. Elsässer war die einzige Chance. Deutscher Wein? Es wur-de bezweifelt, ob der überhaupt trinkbar sei. Die coolen Adressen waren dem italienischen Wein gewidmete strenge Designertempel. Billy Wagner, im Osten Deutschlands ge-boren und in der Nähe von Nürnberg im Westen aufgewachsen, war bis vor kurzem Gesicht und Stimme des Rutz – nach einer Reihe anderer begabter Sommeliers seit dem Tod des Gründers Lars Rutz 2003. In seiner verhältnismäßig kurzen Karriere hat Billy be-reits einem ganzen Haufen von Jungwinzern durch die Abnahme maßgeschneiderter Wei-ne Rückendeckung gegeben, die er unter der Dachmarke Rutz Rebell anbietet. Wir erwisch-ten Billy gerade, bevor die erste Welle von Gästen über ihn hereinbrach, das eine Glas Riesling vervielfachte sich schnellstens, und plötzlich gab es kein Zurück mehr. Ich bin gespannt auf sein neues, eigenes Projekt namens „Nobelhart und Schmutzig“! Es sind jetzt beinahe exakt 20 Jahre, seit das Weinstein als eine der ersten Weinbars in Ostberlin eröffnete. Damals war Roy „Weinstein“ Metzdorf 29 Jahre alt und hat-te gerade einen gut bezahlten Job als Elek-tro- Ingenieur in Stuttgart aufgegeben. Wie viele andere hochqualifizierte junge Ostdeutsche zog es ihn nach dem Mauerfall gen Westen, aber im Gegensatz zu den meisten von ihnen hatte er bereits gute Weine ver-schiedenster Länder pro-biert. Sein Vater durfte auf Geschäftsreisen „raus“ nach Frank-reich und Spanien und kam immer mit Wein zurück. Daraus wurde bei seinem Sohn wahre Wein-leidenschaft, und seit der Er-öffnung des Weinstein 1993 hat es sich zu Berlins bester Weinbar entwickelt. Das ers-te Glas Wein muss hier der trockene weiße Haus-Riesling sein, Schlank im Schrank, vom Weingut Karlsmühle an der Mosel. „Seit dem ersten Tag sind wir immer wieder nach Hauswein gefragt worden, aber ich wollte das nicht, weil die meisten Hausweine billig sind und furchtbar schmecken“, erklärte Roy. „Dann entschieden wir, welchen nach unse-ren Vorstellungen machen zu lassen und ihn teurer zu verkaufen als unsere günstigsten Weine. Wir dachten uns den Namen aus, und Henning Wagenbreth entwarf das Etikett.“ Henning Wagenbreth ist nur einer der vie-len international bekannten Künstler und Musiker, die man im Weinstein treffen kann, aber die Gäste sind viel bunter gemischt als das. Bis jetzt war ich leider nie am richtigen Abend dort, um die Musiker der Heavy Metal- Gruppe Rammstein oder die britische Mode-designerin Vivienne Westwood kennenzulernen. Das ist ein bisschen frustrierend, weil ich auf Rammstein stehe und oft Westwood-Sachen trage, aber es scheint mein Weinstein-Schicksal zu sein. Unser letzter Halt an diesem Abend war die Cordobar, die wie alle Adressen zuvor eine unglaubliche Aus-wahl an Riesling auf der großar-tigen Weinkarte hat, darüber aber kein großes Auf-heben macht, son-dern das vielmehr als Selbstverständ- Riesling B U C H T I P P Stuart Pigott Planet Riesling Weißwein der Spitzenklasse Diese und weitere Erlebnisse rund um den Riesling beschreibt der Weinau-tor in seinem neuesten Buch. Er stellt die weltbesten Winzer, Sommeliers und Gastronomen vor, die sich – wie er selbst – dem Riesling verschrieben haben. Er reist zu den großen Riesling- Anbaugebieten der Welt – von Nord-amerika und Kalifornien nach Australien, Neuseeland und Südamerika bis in die Schweiz, nach Norditalien und natürlich auch Deutschland – und berichtet unterhaltsam und gut verständlich über Weinge-schichte und Geschmackserlebnisse bei der Weinverkostung. Wiesbaden: Tre Torri Verlag, 232 Seiten, 29,90€. lichkeit betrachtet und darstellt. „Wie kann man eine großartige Weinkarte ohne eine unglaubliche Auswahl an Riesling haben?“ Das ist die Art von Sprüchen, die der Ös-terreicher Gerhard Retter dauernd von sich gibt, wenn er auf Senden ist – und wann ist er das nicht? Als ich ihn kennenlernte, war er Sommelier im Restaurant Lorenz Adlon im historischen Berliner Hotel Adlon, dann war er plötzlich abgetaucht. Jetzt ist er wieder da, mit der Cordobar, und die rockt seit dem ers-ten Abend. Natürlich schenkte Gerhard mir ein Glas Mosel-Riesling ein, den C.A.I. von Immich-Batterieberg, und das einzige Prob-lem daran war, dass der mich so schnell und erfolgreich wiederbelebte, dass es schwierig war, den Absprung zu finden... 2/2015 13 Fotos: © JiSign - Fotolia.com, Stuart Pigott, Tre Torri


TRINKtime_02_2015
To see the actual publication please follow the link above