RIESLING - Berlin und der Wein

TRINKtime_02_2015

Riesling Auf seinen Reisen rund um den Globus erlebte Stuart Pigott so einige Geschichten rund um Wein. Seine Begegnung mit dem Riesling in Berlin – sowie in weiteren Metropolen – beschreibt er in seinem neuen Buch „Planet Riesling“. Berlinund der Weingut Keller in Flörsheim-Dalsheim, einem Brutkasten rheinhessischer Jungwinzer; aber das erklärt nicht ihre 2011 Weine. „Das gibt’s doch gar nicht!“ entfuhr es mir, als ich diese zum ersten Mal verkostete. Mit ihrem anscheinend ersten Jahrgang präsentierte sie eine Reihe von Weinen, die nicht nur qualitativ hochwertig waren, sondern auch einen eigenen Stil zeigten, wofür die meisten Jungwinzer viele Jahre brauchen. Ihr trocke-ner Westhofen Riesling war saftig und leicht-füßig, aber hinter diesen hellen Lichtern im Vordergrund konnte ich die dunkle Seite der Macht spüren. Kai hatte ebenfalls eine frühere, andere Kar-riere in der Marketingbranche in Hamburg, fühlte aber ebenfalls dasselbe überwälti-gende Bedürfnis, beim heimischen Weingut Schätzel einzusteigen, das seine Eltern mit ei-ner Auf-Nummer-Sicher-Einstellung führten, mit Weinen, die entsprechend wenig span-nend schmeckten. Jedes Jahr reizte er die Es war eine dieser Berliner Nächte, in denen alles von Anfang an auf wun-derbare Weise außer Kontrolle geriet. Nach einer sehr offiziellen Verkostung wäh-rend des Tages bei der Präsentation der Gro-ßen Gewächse (GGs) in der Gemäldegalerie am Berliner Kulturforum war ich um 17 Uhr zu einer sehr inoffiziellen Probe an einem Ort namens The Grand eingeladen, teils Restau-rant, teils Nachtclub. Der morbide Charme des bewusst nur teilweise renovierten Gebäu-des passte perfekt zum trockenen Pettenspiel Riesling der beiden rheinhessischen Jungwinzer Katharina Wechsler aus Westhofen und Kai Schätzel aus Nierstein. Für Katharina Wechsler vom gleichnamigen Weingut ist dies eine Rückkehr nach Berlin, wo sie über zehn Jahre gelebt und als Fern-sehjournalistin gearbeitet hat. 2009 hielt sie es jedoch nicht mehr aus, packte ihre Sachen und kehrte nach Hause zurück, nach West-hofen, um Wein zu machen. Diese Entschei-dung im Alter von 30 Jahren sagt alles über ihr Temperament. Um das Weinmachen von der Pike auf zu lernen, arbeitete sie beim Grenzen im Keller weiter aus ins Unbekannte, geriet gelegentlich damit gefährlich nahe an den Abgrund, und das Ergebnis war Riesling Funkadelic, verrückt aber groovy. Kais und Katharinas gemeinsam erzeugter Pettenspiel ist ein Verschnitt aus 50 % Ries-ling aus der Niersteiner Lage Pettenthal mit 50 % Riesling aus der Westhofener Lage Kirchspiel, also ein Wein, der vom deutschen Weingesetz nicht vorgesehen ist, was die Legalität seines Namens in Frage stellt. Das kümmert weder Kai noch Katharina, wenn die Menge von diesen Weinen wie berauscht ist, mit einer Sinnlichkeit, die weit über die Summe seiner ausdrucksstarken Einzelteile hinausgeht. Dann war es Zeit für „noch ein Glas Wein“ in der Weinbar Rutz, die im Erdgeschoss mehr oder weniger Bar ist, im ersten Stock aber ein michelinbesterntes Restaurant. Weinbars in Berlin sind häufig Restaurants und nutzen wie das Rutz das Wort „Bar“, um den Eindruck zu vermeiden, man müsse hier zwangsläufig ein achtgängiges Verkostungsmenü bestellen, um gut zu trinken. Als ich mich während der 12 2/2015


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