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Nach der Flut ist vor der Flut

Datum: 10.09.2013Quelle: first class

Wenn das Hochwasser oder das Feuer weg sind, fangen in vielen Betrieben die eigentlichen Sorgen erst an. 

Schon 2002 hatte Regina Riedel in ihrem Romantik Hotel Deutsches Haus in Pirna mit dem Hochwasser zu kämpfen, denn das Haus liegt nur 250 m Luftlinie von der Elbe entfernt. Daher entschloss sie die Inhaberin damals, Vorkehrungen zu treffen und einen Notfallplan zu erstellen – auch eine Bedingung ihres Versicherers. Dieser tritt bei einer Hochwasserprognose von 6 m mit steigender Tendenz in Kraft. Bei dieser Höhe werden bereits die im Keller liegenden Gasträume überflutet. Bei einer Prognose von 8,30 m sieht der Plan die Räumung der Erdgeschossbereiche vor. Der Vorsorgeplan beinhaltet darüber hinaus detaillierte Informationen, zu welchem Zeitpunkt auswärtige Unternehmen und Dienstleister hinzugezogen werden, die sich z. B. um die Schankanlagen oder die Notbeleuchtung kümmern und die Tresen rückbauen.

Als 2013 erneut ein Hochwasser drohte, das zum Jahrhunderthochwasser wurde, hatten die Hotelmitarbeiter knapp 24 Stunden Zeit, um einen Teil des Mobiliars in die oberen Stockwerke in Sicherheit zu bringen. Die Küche und der Eingangsbereich jedoch konnten selbst mit dem Notfallplan nicht gerettet werden. „Unsere Küchengeräte waren fest installiert, wir konnten sie nicht bewegen“, berichtet Regina Riedel. Doch sie hat auch von dieser Katastrophe gelernt und setzt ab sofort auf mobile Einrichtung: „Nun können wir mit Hilfe des zuständigen Unternehmens die Küchengeräte innerhalb von vier Stunden demontieren.“ Auch die Rezeption wird für den Fall der Fälle flexibler: Ein rollbarer Tresen ersetzt die feste Theke.

Sobald das Wasser zurückgegangen war, standen, wie bei jedem Hochwasser, die ersten Aufräumarbeiten an. „Zuerst heißt es sauber machen“, erklärt die Inhaberin mit bitterer Erfahrung. „Wir haben uns neben den Räumen gleich um unseren Innenhof gekümmert und ihn von Schlamm und Unrat befreit, um Gestank zu vermeiden.“ Die Zimmer in der ersten Etage blieben verschont und konnten daher bald wieder vermietet werden. Anderen Hotels in der Gegend erging es nicht so gut. Daher ist das Romantik Hotel Deutsches Haus bisher noch eines der wenigen Hotels in Pirna, die Gäste aufnehmen können. Aus der Not machten die Hotelmitarbeiter eine Tugend und aus dem Hotel ein Hotel garni mit einer kleinen provisorischen Frühstücksküche. Die Stadt half mit einer kleinen Bude, die Küche zu ersetzen und auch die Anwohner stellten Kühlschränke zur Verfügung, bis die neue Kücheneinrichtung steht. Seine Vorräte stiftete das Hotel im Gegenzug für die Verpflegung der Helfer vor Ort.

 

Kaum Versicherungsschutz

Ganz so glimpflich kam das Altstadthotel in Passau beim Hochwasser 2013 nicht davon. Die Inhaberin und die Hoteldirektorin Sabrina Brogli hatten in dem direkt im Drei-Flüsse-Eck, dem Zusammenfluss von Donau, Inn und Ilz, gelegene Hotel erst im Frühjahr diesen Jahres kräftig in die Küchentechnik investiert. Auch einige der bisher nur zweckmäßig eingerichteten Zimmer wurden neu gestaltet. Das Konzept dafür stammte von Appia Contract. Die direkt auf das Wasser schauenden Donauzimmer erhielten ihr Thema durch gebürstete Eiche, blaue Stoffe und Bilder des Drei-Flüsse-Ecks. Die zweite Zimmerkategorie erstrahlte in Rot- und Cremetönen. „Bei der Einrichtung haben wir viel Wert auf die Beleuchtung gelegt. Durch indirektes LED-Licht wird der Raum hell und freundlich. Für unsere Businessgäste haben wir zudem mehr Arbeitsfläche eingeplant“, sagt Sabrina Brogli. Vom Entschluss zur fertigen Renovierung vergingen nur knapp vier Monate, doch schon bald darauf gefährdeten die Wassermassen der Donau vor der Haustür den Hotelbetrieb. Auf Anraten des THW entschlossen sich die Betreiberin und die Hoteldirektorin, das Gebäude mit sauberem Wasser von innen zu fluten, und so den Wassermassen von außen Druck entgegen zubringen, um die Statik des Hauses nicht zu gefährden. Der Schlamm konnte damit nicht aufgehalten werden. Aber zumindest die Statik des Gebäudes wurde erhalten. 2,10 m waren es am Ende, die die Tiefgarage und das gesamte Erdgeschoß mit Rezeption, Restaurant und Küche überspülten und einen reinen Inventarschaden von 600.000 € anrichteten. Auch die Umsatzausfälle kann das Hotel nicht mehr aufholen, und eine Versicherung greift nicht unter die Arme: „Das Haus liegt in der Gefahrenzone 4, eine Versicherung gegen Hochwasser ist da nicht zu bekommen.“ Das bestätigt auch Volker Begas, GGF von Mosaic Versicherungsmakler. „Für die Überschwemmungswahrscheinlichkeit ist jeder Straße in Deutschland eine Risikoklasse von 1 bis 4 zugeteilt. Je höher der Wert, desto teurer der Versicherungsschutz.“ Das bedeutet, dass Anlieger von Uferpromenaden großer Flüsse – wie das Altstadthotel – keinen Versicherungsschutz erhalten oder mit hohen Anforderungen an den Hochwasserschutz, sehr hohen Selbstbeteiligungen und Entschädigungsgrenzen rechnen müssen.

 

Aufräumen oder liegen lassen

Kaum waren die Räume des Altstadthotels wieder begehbar, machte sich Sabrina Brogli mit ihrem Team an die Aufräumarbeiten. „Zuerst musste der vom Wasser eingetragene Schmutz weg, denn sobald dieser zu Trocknen beginnt, lässt er sich nur schwer entfernen.“ Das gesamte in den Räumen verbliebene Mobiliar galt es, zu erneuern. Glück hatte das Hotel bei der Heizanlage: Beim Umbau des ehemaligen Wohnhauses wurde die Technik im dritten Stock untergebracht und blieb verschont. Gerade die Haustechnik ist im Falle einer Überschwemmung besonders gefährdet, bestätigt Michael Mark von SenerTec: „Bekommen elektrische Geräte wie Blockheizkraftwerke ,nur´ nasse Füße, ist vielleicht noch eine Reparatur möglich. Andernfalls entstehen massive Schäden, die eventuell nicht reparabel sind.“ Wichtig ist es dennoch, die Anlage komplett vom Netz zu trennen. „Das geschieht in Hochwassergebieten aber in der Regel schon durch die Stromabschaltung des regionalen Energieversorgers“, erklärt Michael Mark.

Doch was darf im Ernstfall aufgeräumt werden und welche Maßnahmen müssen Hoteliers mit dem Schadensgutachter der Versicherung absprechen? „Notmaßnahmen zur Verhinderung weiterer Schäden sind immer sofort zu ergreifen“, erklärt Volker Begas. „Grundsätzlich gilt aber, nichts ohne Zustimmung des Versicherers zu entsorgen. Auch Kostenvoranschläge muss dieser freigeben, bevor Aufträge freigegeben werden.“

Finanzielle Hilfe erhielt das das Altstadthotel von der Bayerischen Staatsregierung. Aus dem eigens ins Leben gerufenen Hochwasserhilfsprogramm bekam es 5.000 € zugesprochen, weitere 20.000 € folgten. Insgesamt rechnet Sabrina Brogli mit einem Schaden von 1,5 Mio. €. 80 % davon werden übernommen, wobei die bisher geflossenen Gelder davon abgezogen werden. Allerdings werden davon für jeden Gegenstand bis zu 30 % des Neupreises abgezogen. Wie die finanzielle Differenz aufgefangen wird, ist im Altstadthotel in Passau noch unklar. Auch, weil noch ungewiss ist, wie viel Gelder an Aufbauhilfe noch kommen werden.

Welche finanziellen Sofortmaßnahmen Hoteliers treffen können, erklärt Werner Gärtner, Trainer und Coach der Unternehmermanufaktur für Hoteliers und Gastronomen: „Folgende Anträge können u. a. gestellt werden: Antrag auf Stundung der SV-Beiträge, auf Anpassung der Vorauszahlung auf die Einkommens- und Körperschaftssteuer, auf Stundung fälliger Steuern und auf Erlass einzelner kommunaler Abgaben.“ Zudem können zum Wiederaufbau von Betriebsgebäuden im Wirtschaftsjahr Sonderabschreibungen bis zu 30 % vorgenommen werden. Auch eine Sonderabschreibung bis zu 50 % der Abschaffungs- oder Herstellungskosten auf bewegliche Güter ist möglich. Im Folgejahr ist die Abschreibung dann nach dem Restwert und der Restnutzungsdauer zu bemessen.

 

Schnell vorwärts

Unternehmen aus der Umgebung griffen Sabrina Brogli ebenso unter die Arme, wie eine ortsansässige Brauerei, die dem Hotel sieben Kühlschränke für einen provisorischen Restaurantbetrieb zur Verfügung stellte. „Wir haben unser Hotel innerhalb kurzer Zeit schon wieder eröffnen können. Zuerst standen nur drei Gerichte auf der Karte, inzwischen sind wir in gastronomischer Hinsicht schon fast wieder zur Normalität zurückgekehrt“, freut sich Sabrina Brogli. Auch in anderen Bereichen wie der Rezeption, die noch provisorisch im ersten Stock untergebracht ist, geht es allmählich zurück zur Normalität. „Am besten ist es, alle Möbelteile möglichst mobil zu gestalten, d. h. fahrbar. Grundsätzlich gilt es, das Altstadthotel zukünftig noch ,wasserfester´ zu machen“, erklärt Eva-Maria Eglseer von Appia Contract. So wird z. B. die Empfangstheke als Mauerwerk eingebracht und mit Naturstein verkleidet. Die Technikeinbauten finden in Rollcontainern Platz. Das Ziel ist, die Einrichtungen im Ernstfall schnellstmöglich zu demontieren und abzutransportieren.“ Für den gesamten Innenausbau wie die Neugestaltung der Rezeption, wird Appia Contract verantwortlich sein. Und auch weitere Zimmer werden, wie Anfang des Jahres, renoviert.

 

Von Müll zu Möbeln

Natürlich wäre es im Ernstfall optimal, die nass gewordenen Möbel weiter benutzen zu können. Doch dafür müssen sie aus dem richtigen Material sein. „Möbel mit einem hohen Anteil an Kunststoff oder anderen outdoor-tauglichen Materialien sind grundsätzlich sehr robust und strapazierfähig“, bestätigt Katja Poggiani, Geschäftsführerin von Vega. „Sie lassen sich problemlos reinigen.“ Aus der Kollektion des Unternehmens eignen sich z. B. Alu-Stühle wie die Serie Tailor, Outdoor-Geflechtmöbelserien wie Combine oder Kunststoffstühle. Die zahlreichen Anfragen aus betroffenen Regionen nahm zudem der Möbelhersteller Kason zum Anlass, ein Bank-Modell zu entwerfen, das dem Hochwasser standhalten kann. Einrichtungsberater Bruno Berger nahm sich dabei das Standardmodell Traunsee als Vorbild und entwarf ein wasserfestes, pulverbeschichtetes und verzinktes Winkelgestell. Bei dem Modell sind die Polsterplatten nur eingehängt, sodass sie im Falle eines Hochwassers leicht abnehmbar sind.

Doch auch bei Holzmöbeln ist laut Prof. Reinhard Grell, Gesellschafter der Stuhlfabrik Schnieder, noch nicht alles zu spät. „Als Hochwassergeschädigter sollte man auf alle Fälle prüfen, ob die Möbel nicht doch noch einsatzfähig sind. Wenn etwa massive Holzstühle mit Holz- oder Sperrholzsitz nicht über längere Zeit im Nassen standen, kann man sie nach dem Trocknen leicht anschleifen und anschließend mit Pflegeöl behandeln. Manchmal kann ein daraus entstehender ,Used Look’ einen individuellen Charme haben.“ Wer jedoch lieber auf klassischen Charme bei geringem Budget setzten möchte, kann auf das modular kombinierbare System der BasicLine des Möbelherstellers zurückgreifen, das in einer definierten Auswahl an Modellen, Größen, Oberflächen und Bezugsstoffen zur Verfügung steht.

 

Die Uhr tickt

Wenn es darum geht, sich so schnell wie möglich , rät Dr. Karl-Heinz Pawelka, Geschäftsführer von M24: „Unter Umständen sind nicht immer alle Farben auf Lager, doch man kann oft auf klassische Farben zurückgreifen.“ Im Onlineshop des Möbelherstellers sind alle sofort lieferbaren Produkte mit einem kleinen Symbol gekennzeichnet. Dabei stehen aus jeder Kategorie von Stühle, von Lounge-Möbel bis zum Outdoor-Bereich, viele unterschiedliche Modelle zur Verfügung und sorgen so für den passenden Stil, auch wenn es mal schnell gehen muss.

Schnelligkeit ist allerdings gerade bei vielen finanziellen Baustellen ein Problem für so manchen Hochwassergeschädigten, doch auch hier kommen die Unternehmen den Hoteliers entgegen. Bei Go In z. B. erhielten nachweislich betroffene Betriebe des Hochwassers von Juni bis Ende August 10 % Rabatt auf alle Bestellungen. Zudem stundete das Unternehmen die Zahlung bis zu 90 Tage nach Rechnungserhalt.

Mobilität des Inventars ist ein guter Schutz gegen Hochwasserschäden, die in den kommenden Jahren häufiger werden, wie Experten vermuten. Daher lohnt es sich, in den Hochwasserschutz zu investieren. aho

Foto: Romantik Hotel Deutsches Haus

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