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Uwe Wehrmann würde sein Strandhotel Ostseeblick gerne auch in Zukunft weiterführen. Warum ihm die Regierung dies nun erschwert, erzählt er im Interview.

„Hilfe sieht für mich etwas anders aus“

Datum: 05.05.2021Quelle: Redaktion first class | Bild: Strandhotel Ostseeblick | Ort: München, Usedom

Sibylle und Uwe Wehrmann (siehe Bild oben) siedelten 1994 von Nordrhein-Westfalen auf die Insel Usedom um, um den väterlichen Hotelbetrieb zu übernehmen und zu einem der ersten Wellnesshotels der Region auszubauen. Im Laufe der Jahre gesellten sich zum 4-Sterne-Superior-Strandhotel Ostseeblick Ferienwohnungen und das Hotel Boje 06, das bewusst eine jüngere Klientel ansprechen soll.

Aktuell dürfen die beiden Unternehmer aufgrund der Beschränkungen zur Bekämpfung der Pandemie ihre Betriebe nicht öffnen. Uwe Wehrmann fragt sich seit einiger Zeit, ob die Politik schlicht die gesamte Branche und ihre Arbeitsweise nicht versteht.

Im Interview mit der Redaktion first class sprach er über die Perspektiven für die Branche, die fehlende Nachvollziehbarkeit in puncto Politik und seine Zukunftspläne.

Uwe Wehrmann im Gespräch

Herr Wehrmann, was wünschen Sie sich für den Sommer?

Von der Politik wünsche ich mir klar verständliche Ansagen und Hilfen, die auch Hilfen sind. Ich möchte gerne unser Hotel weiterführen und finde es beschämend, dass sich Hoteliers in einer Not-Situation, für die sie nichts können, wie unliebsame Bittsteller fühlen müssen. Auch, dass unsere Mitarbeiter in eine Kurzarbeitersituation gezwungen werden, in der sie nur 60 Prozent ihres Gehalts bekommen, finde ich empörend. Die Hotellerie versucht zwar die Gehälter bis auf 90 Prozent aufzustocken, aber ein Unternehmen hat auch keine endlose Kraft. Gerade auch von SPD und den Grünen hätte ich mir dahingehend mehr Hilfe erwartet. Von Petrus würde ich mir einen guten Sommer wünschen, sodass die Leute den Strand nutzen und ihre Batterien wieder aufladen können.

Gutes Wetter wäre ja auch für die Außengastronomie wünschenswert…

Ja, wir würden im Sommer gerne unsere Außengastronomie wieder aufmachen. Sie hat uns schon im vergangenen Jahr sehr geholfen, auch weil wir instinktiv eine richtige Investition getätigt haben: Mit einem Pergola-System können wir unsere Terrasse komplett nach oben hin schließen und auch die Seiten vor Wind schützen. Zudem haben wir Wärmestrahler integriert, sodass die Gäste auch bei Kälte und Regen gemütlich draußen sitzen können. Das hat uns gerade im ersten Lockdown u. a. den Frühstücksservice gerettet. Man kann die Terrasse im Grunde ganzjährig nutzen, es gibt ja genug Frischluftjunkies, die gerne und bei jedem Wetter draußen speisen möchten.

Übernachten würden die Menschen bestimmt ebenso gerne wieder…

Es ist ganz toll, dass wir richtige Durchhalte-Parolen von unseren Stammgästen bekommen. Sie lassen uns auch wissen, wie es ihnen geht, also da ist eine sehr hohe Loyalität vorhanden. Und wir würden natürlich auch selbst gerne wieder loslegen. Wir sind Mitglied in einem Arbeitskreis für Hoteliers auf Usedom und haben selbst Hygienekonzepte aufgesetzt, die dann auch adaptiert worden sind. Wir haben schließlich selbst ein großes Interesse daran, dass wir in puncto Infektionsschutz den Anforderungen des Gesetzgebers entsprechen. Aber man spürt, dass die Wertschätzung der Politik für Hotellerie und Gastronomie nicht so ausgeprägt ist wie für die Industrie. Ich kann an keiner Stelle ein Gutachten einsehen, dem ich entnehmen könnte, dass Hotellerie und Gastronomie Superspreader sein sollen. Dass dort ein höheres Infektionsrisiko gegeben sei, basiert ja nur auf Mutmaßungen. Zuhause im Alltag trifft eine Person auf Arbeitskollegen, Freunde und Familie. Im Hotel befindet sich der Gast im Restaurant, Wellnessbereich oder seinem Zimmer – begleitet von strengen Hygienemaßnahmen.

Fehlt Ihnen die Nachvollziehbarkeit?

Wir stehen immer wieder vor Mitarbeitern, die fragen, wie es denn nun weitergeht. Da müssen wir dann mit den Achseln zucken, denn wir wissen auch nicht mehr als sie. Das ist sehr irritierend. Wir Hoteliers schwimmen auf offener See, am Ufer stehen Olaf Scholz und Peter Altmaier und rufen: „Wir können euch helfen, aber erst füllt ihr dieses und jenes Formular aus.“ Hilfe sieht für mich etwas anders aus. Es handelt sich um Unternehmen, die bereits jahrelang am Markt präsent sind, die der Fiskus genau kennt, die er schon geprüft hat, das ist für mich äußerst befremdlich. In solch schwierigen Zeiten hätte doch die Politik die beste Chance gehabt, ihr sowieso schon angeschlagenes Image aufzupolieren. Stattdessen werden Zusagen nicht eingehalten und manch einer bereichert sich obendrein sogar noch an der Not der Leute. Deshalb hat sich mein Vertrauen in die Politik momentan auf ein Minimum reduziert.

Und wie geht es Ihren Mitarbeitern?

Wir haben uns mit all’ unseren Mitarbeitern getroffen und nachgefragt, wie denn die persönliche Situation aussieht. Sie kommen ganz unterschiedlich mit diesem Lockdown klar. Der eine sieht darin eine Chance, sich einmal mehr um Haus und Familie zu kümmern. Manche kommen mit der Situation weniger gut klar, weil sie ihren täglichen Rhythmus vermissen.

Wir haben leider auch Mitarbeiter verloren, das ist eine ganz beängstigende Entwicklung. Sie sind in andere Branchen abgewandert. Das bedauern wir sehr. Gutes Wissen verlässt unser Haus und muss dann nachrekrutiert werden. Und der Gesetzgeber ist auch nicht hilfreich, weil niemand in Kurzarbeit eingestellt werden darf. Das liegt wohl daran, dass die Politik die Branche nicht versteht. Je näher die warme Jahreszeit nämlich rückt, desto mehr Mitarbeiter müssen wir rekrutieren, um über die Saison zu kommen und darum müssen wir Mitarbeiter auch innerhalb der Kurzarbeit einstellen können.

Haben Sie schon Pläne wie es nach dem Restart weitergeht?

Wir haben das Gefühl, dass die Gäste nach dem Lockdown verstärkt nach einem Cooldown suchen. Wir sind dahingehend mit dem Meer und auch unserem Hinterland auf Usedom gut ausgestattet. Wir müssen aber zunächst abwarten, was erlaubt sein wird. Nach dem ersten Lockdown gab es ja auch eine Zeit, in der etwa Gäste zwar in den Poolbereich durften, aber die Personenzahl reguliert werden musste. Eine ganz schlimme Geschichte. Stellen Sie sich vor, Sie sind Gast und möchten schwimmen gehen und ich muss Ihnen dann sagen, dass es jetzt nicht möglich ist, aber zwischen 14 und 14.15 Uhr wäre noch ein Timeslot frei, das ist doch für den Gast sehr unangenehm. Auch für unsere Mitarbeiter erhöht sich damit das Stresslevel, denn die müssen so etwas dann ausbaden.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, unter welchen Vorraussetzungen die Gäste überhaupt kommen dürfen? Und darf ich rein rechtlich überhaupt Corona-Tests am Gast durchführen? Wie viele Testzentren brauchen wir dann in der Region? Da sind für mich noch ganz viele offene Fragen. Und wir können ein Hotel ja auch nicht per Fingerschnippen einfach wieder aufmachen, wir müssen konkret planen können. Es müssen ja auch alle benötigten Produkte wieder im Haus sein. Wir werfen im Moment so viele Produkte weg, weil der Verbrauch fehlt, das ist auch nicht in Ordnung.

Sie wollen also zunächst noch abwarten?

Genau, wir wollen abwarten, welche Auflagen der Gesetzgeber für uns vorgesehen hat, bevor wir konkret planen. Das heißt aber nicht, dass wir nicht bereits an Konzepten arbeiten. Wir testen bereits die Luca-App und sind von den Funktionen begeistert. Ich hoffe auch, dass wir unter den entsprechenden Hygieneauflagen wieder Buffet anbieten dürfen. Der Frühstücksservice ohne Buffet war eine ganz schwierige Zeit für uns und unsere Mitarbeiter. Wir haben Etageren-Service mit bis zu fünf verschiedenen Auswahlmöglichkeiten für die Gäste angeboten, also herzhaft, vegetarisch, etc. Wir hatten einen deutlich höheren Lebensmittelverbrauch, weil wir so viele Reste hatten. Die Mitarbeiter waren zudem extrem gefordert, vor allem bei individuellen Wünschen. Und nun haben wir ja auch ganz neue Bedürfnisse der Gäste. Jeder hat zum Beispiel ein unterschiedliches Empfinden für seine persönliche Sicherheit. Wo man sich vorher noch keine Gedanken gemacht hat, dass man neben einander sitzt, da wird nun verstärkt auf den Abstand geachtet. „Rück‘ mir nicht so auf die Pelle“, wird künftig für viele Gäste ein wichtiges Thema sein.

Danke für das Gespräch!

Redaktion first class

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