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Lunchpaket als Ersatz für Schulverpflegung: an eine klassische Speisenausgabe ist vorerst nicht zu denken.

Schulverpflegung wie bisher ist passé

Datum: 28.04.2020Quelle: B&L Medien | Foto: Colourbox.de, Il Cielo | Ort: Weßling

Als Carola Petrone Anfang März den ersten Schrecken über die Schulschließungen überwunden hatte, machte sie sich angesichts der Wiedereröffnung keine Illusionen: „Ich hatte mir bereits gedacht, dass es mit vier Wochen nicht getan ist. Ich hatte sogar damit gerechnet, dass sich vor September nichts tun wird“, berichtet die Geschäftsführerin von Il Cielo, einer Bio-Frischeküche aus Weßling, die unter anderem die Schulverpflegung an drei Münchner Gymnasien und der Munich International School leistet. Vor der Krise versorgte der Caterer täglich rund 4.500 Kinder und Schüler in Schulmensen, Horten, Kindergärten und Krippen, aktuell sind es nur noch etwa 50 Mittagessen für Notgruppen.

Konzept für die Wiedereröffnung

Carola Petrone von Il Cielo über Lunchpakete als Ersatz für Schulverpflegung.
Carola Petrone, Geschäftsführerin von Il Cielo

Nichtsdestotrotz arbeitete Carola Petrone bereits frühzeitig an einer Strategie für den Fall, dass der Startschuss früher erfolgt sowie an einem Konzept für die Wiedereröffnung:

„Mir war klar, dass wir mit dem bisher praktizierten Free Flow-Konzept nicht einfach wieder in Betrieb gehen können – allein wegen des Problems des Mindestabstands. Auch vom organisatorischen und zeitlichen Ablauf der Schulverpflegung, wie wir sie bisher kannten, müssen wir uns verabschieden.“

Bestätigt wurde ihre Einschätzung vom bayerischen Kultusminister. Prof. Dr. Michael Piazolo verkündete in der Pressekonferenz am 16. April, dass Schulmensen und Pausenkioske trotz Öffnung erster Schulen ab 27. April geschlossen bleiben müssen:

Lunchpaket als Ersatz für Schulverpflegung

„Die Munich International School hat mich daraufhin gebeten, zu überlegen, wie wir die Kinder alternativ verpflegen können“, erinnert sich Carola Petrone. Welche Lösung sie entwickelt hat und wie man die Schulverpflegung sukzessive erweitern könnte, hat sie uns im Interview berichtet:

Frau Petrone, Sie bieten den Schülern seit heute Lunchpakete an. Wie funktioniert das konkret?

Wir haben ein Konzept für kontaktlos übermittelte Lunchpakete entwickelt und dafür unser Essenbestellsystem anpassen lassen. So müssen die Schüler vorab das Paket über unser Essenbestellsystem bestellen, allerdings zusätzlich angeben, welche Klasse sie besuchen. Wir bündeln die Bestellungen dann klassenweise und bringen die Speisen, verpackt in biologisch abbaubarem Einweggeschirr, während der Unterrichtszeit vor die Klassentür, von wo sie die Lehrer dann holen und verteilen.

Was befindet sich im Lunchpaket?

Wir starten mit einem einfachen Lunchpaket, bestehend aus einer belegten Semmel, einer Breze, einem Fruchtriegel und Obst. Wird das gut angenommen, rüsten wir aber auf. So planen wir z. B. mit einem Wrap, einer Buddhabowl und einer Art Tramezzini.

Gemüsepizza im Lunchpaket als Ersatz für klassische Schulverpflegung.

Liegt der Preis dafür unterhalb dem bisherigen Mittagessenpreis?

Aus wirtschaftlichen Gründen ist es aktuell ganz wichtig, den Preis zu kalkulieren und verlangen, der die Waren- und Herstellungskosten deckt.
Ich bin aktuell froh, dass die Mehrwertsteuerreduktion verabschiedet wurde. Andernfalls hätten wir spätestens mit Start einer Warmverpflegung im Herbst die Mittagessenpreise um etwa 20 Prozent erhöhen müssen. Wir merken bereits jetzt, dass die Importe aus Italien und Spanien zurückgehen und für den Herbst ist zu erwarten, dass die Frischware wirklich knapp und entsprechend teurer wird. Angesichts von 100 Prozent Bio-Produkten eine weitere Herausforderung.

Die bayerische Staatsregierung sieht aktuell keine Möglichkeit, Schulmensen und Pausenkioske im herkömmlichen Sinn zu betreiben. Was halten Sie dagegen?

Ich glaube das Hauptproblem, weswegen große Bedenken herrschen, ist das Anstellen. Doch auch dafür lassen sich gemeinsam Lösungen finden. Wir Kita- und Schulcaterer sind schließlich Profis, gerade in Hygienefragen! Statt eine Öffnung kategorisch abzulehnen, wünsche ich mir, dass man das Gespräch mit uns Profis sucht. Ich stehe dafür gerne zur Verfügung und viele Kollegen sicher auch.

Wie könnte eine Ausweitung der Schulverpflegungsangebote gelingen?

Zuallererst müssen die Bildungsträger die Pausenzeiten verändern, sodass weniger Schüler gleichzeitig in die Mensa gehen. In Klassenschichten zu essen und die Schüler zu einem entsprechenden Verhalten in Mensa und Ausgabebereich aufzurufen wird ab der fünften Klasse problemlos funktionieren.
Free Flow und freie Komponentenwahl wird wohl aber erstmal nicht angeboten werden können.
Die Tabletts für die Schüler inklusive Besteck könnte man bereits komplett vorbereiten, sodass sie sich nur noch den Hauptspeisenteller aufladen würden. Auch dieser könnte bereits fertig angerichtet bereitstehen – in einer vegetarischen Variante und einer zweiten mit z. B. Fleisch oder Fisch.
Für jüngere Schüler braucht es ein anderes Konzept, z. B. die direkte Verteilung auf Sitzplätze und einen Tischservice.
Um die Ausgabe und einen derartigen Service aber entsprechend vorbereiten zu können, sehe ich die Notwendigkeit eines elektronischen Bestell- und Bezahlsystems – etwas, das nicht jeder Essensanbieter im Portfolio hat; und etwas, worin er derzeit auch kaum investieren kann. Folglich müssen Schulen oder der Staat hierfür eventuell Geld freischlagen.
Was die Umsetzung angeht, könnten unsere Vernetzungsstellen Schulverpflegung sicher auch bei einem Vor-Ort-Coaching unterstützen.

Zurück zum Geld – welche Erfahrungen haben Sie mit der bisherigen finanziellen Unterstützung gemacht?

Bisher ging die Bearbeitung meiner Anträge schnell und unkompliziert über die Bühne. Kurzarbeitergeld hatte ich direkt am 9. März beantragt, als die Schulen schlossen und es wurde rasch bewilligt. Allerdings warte ich noch auf die Rückerstattung, derzeit mein größtes Problem. Wäre die Auszahlung schneller, könnte man sich sicher viele Kredite sparen.
Die Soforthilfe in ihrer Ursprungsform dagegen wurde bereits eine Woche nach meiner Antragstellung ausbezahlt. Zwischenzeitlich wurde sie ja erhöht, was ich erneut beantragt habe, und worauf ich noch warte. Darüber hinaus habe ich gerade einen KfW-Kredit beantragt, weshalb ich dazu noch keine Aussage machen kann.
Lieber wäre mir aber, wenn wir schnellstmöglich wieder kochen dürften.

Sie haben sich am Offenen Brief der bayerischen Kita- und Schulcaterer beteiligt. Auf welches Ergebnis hoffen Sie?

Ich erhoffe mir eine Prüfung der Situation und eine aktive Zusammenarbeit mit uns Caterern. Sobald die Schulen für SchülerInnen offen sind, sollte deren Verpflegung auch wieder über die Schule möglich sein.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Offene Briefe von Kita- und Schulcaterern

Hier erfahren Sie, worum es in dem Offenen Brief bayerischer Kita- uns Schulcaterer ging.

Auch bundesweit wurden in Form eines Offenen Briefs Forderungen zu einer besseren Unterstützung der Kita- und Schulcaterer laut, eingereicht vom Deutschen Netzwerk Schulverpflegung bei Kanzlerin Merkel und den Ministerpräsidenten.

Claudia Kirchner / Redaktion Schulverpflegung

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