x
Einwegkunststoff Kurt Schüler

Einwegkunststoff adé

Datum: 25.11.2020Quelle: Industrievereinigung Kunststoffverpackungen e. V. | Bild: Colourbox.de | Ort: Bad Homburg

Nach dem Bundestag hat am 6. November auch der Bundesrat dem Verbot von Einwegplastik in Deutschland zugestimmt. Mit der Verordnung werden Einwegprodukte aus Kunststoff verboten, die aus fossilen Rohstoffen wie Rohöl hergestellt werden. Auch die Produktion von Einwegplastik ist in der EU ab dem 3. Juli 2021 nicht mehr erlaubt. Vom Verbot betroffen sind folgende Kunststoffartikel:

  • Wattestäbchen
  • Besteck
  • Teller
  • Trinkhalm
  • Rührstäbchen
  • Luftballonstäbe
  • To-go-Getränkebecher,
  • Fastfood-Verpackungen und Wegwerf-Essenbehälter aus expandiertem Polystyrol (bekannt als Styropor)

Außerdem verboten werden Wegwerfteller oder -becher aus biobasierten oder biologisch abbaubaren Kunststoffen.

Die Umsetzung der Verordnung erfolgt nach der EU-Einweg-Kunststoffprodukte-Richtlinie (Single-Use-Plastics, SUP). Der Geschäftsführer der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung Kurt Schüler äußert sich zu den Verboten und welche Auswirkungen deren Umsetzung auf den deutschen Verpackungsmarkt, aber auch gastronomische Betriebe haben werden, die angesichts Corona verstärkt auf das To-go-Geschäft angewiesen sind.

Bis zum 3. Juli 2021 soll unter anderem das europaweite Verbot von bestimmten Einweg-Lebensmittelbehältern aus expandiertem Polystyrol durchgesetzt werden. Können Sie uns sagen, um welche Art von Verpackung es sich hier handelt, woher sie kommt und in welchen Mengen sie in Deutschland genutzt wird?

Kurt Schüler Einwegkunststoff Polystyrol
Kurt Schüler, Geschäftsführer der Gesellschaft für Verpackungsforschung

Geschäumtes Polystyrol wird im SUP-relevanten Markt vor allem als Verpackung der To-go-Gastronomie eingesetzt. In der aktuellen Krise waren auch konventionelle Restaurants und Kantinen in diesem Marktsegment unterwegs. Insgesamt liegt der Verbrauch bei Lebensmittelbehältern aus geschäumtem Polystyrol im Jahr insgesamt bei 25.000 bis 30.000 Tonnen. Allerdings gibt es im Markt neben den in Zukunft verbotenen Verpackungen aus expandiertem Polystyrol noch andere Schaumkunststoff-Verpackungen, die vom Verbot nicht betroffen sind. Der Vorteil von Schaumkunststoffen besteht im Take-away-Bereich darin, dass verzehrfertige Gerichte gut warmgehalten werden. Außerdem können die Behälter entweder mit integriertem Klappdeckel oder Alu-Siegelfolie bedarfsgerecht verschlossen werden und sie sind im Vergleich zu anderen Materialien sehr leicht.

Das europaweite Verbot gilt auch für Einweg-Getränkebecher aus expandiertem Polystyrol. Haben Sie dazu auch Zahlen?

Der Verbrauch von Getränkebechern aus expandiertem Polystyrol ist im Vergleich zum Lebensmittelbereich eher gering. Solche Becher kennt man eher in Nordamerika. Wir schätzen den Verbrauch in Deutschland auf eine Größenordnung zwischen 100 und 200 Tonnen. Zum Vergleich: Jährlich werden in Deutschland etwa 20.000 Tonnen To-go-Becher für Heißgetränke aus beschichtetem Papier verbraucht.

Auch Einweg-Besteck, -Teller und -Trinkhalme aus Kunststoff oder mit Kunststoffanteil sollen verboten werden. Wie groß ist der Markt für diese Produkte und woher kommen sie?

Der Markt für Einwegprodukte im Außer-Haus- und Party-Bereich ist sehr heterogen. Die Herstellung von Serviceverpackungen ist in der Regel nicht sehr komplex, es handelt sich um Massenprodukte, die für einen sehr preisgetriebenen Markt gefertigt werden. Daher werden diese Verpackungen zu mehr als zwei Dritteln aus dem Ausland importiert. Allein die Marktmenge der Trinkhalme und des Einwegbestecks aus Kunststoff beziffern wir auf 22.000 Tonnen.

Die SUP-Richtlinie gilt ja nicht für sämtliche dieser Produkte, sondern nur für solche, die anhand der Kriterien als Einweg-Kunststoffprodukt identifiziert werden. Können Sie uns Beispiele geben für Produkte, die gerade nicht von der Richtlinie oder der Verbotsverordnung erfasst werden?

Die EU hat mit der SUP-Richtlinie ein viel zu komplexes Regelwerk geschaffen, zu dem noch keine endgültigen Leitlinien vorliegen. Daher sind viele Auslegungsfragen noch offen und ich befürchte, sie werden auch noch lange Anlass zu Rechtsunsicherheit und Streitigkeiten bieten. Ein Beispiel für Verpackungen, die nicht von der Verbotsverordnung betroffen sind, sind Portionsverpackungen für Fertiggerichte, die vor dem Verzehr noch erhitzt werden müssen. Ebenfalls nicht vom Verbot betroffen sind so genannte Multipacks, die mehrere Portionen in einer Verkaufseinheit beinhalten.

Kaum bekannt ist, dass nach der Richtlinie auch mit Kunststoff beschichtete Papierverpackungen als Einweg-Kunststoffverpackungen gelten, wenn die Beschichtung eine Funktion hat, beispielsweise um Wasser oder Fett abzuweisen. Gibt es Untersuchungen darüber, wie groß der Markt für die von der Richtlinie betroffenen Papierverpackungen ist?

Aufgrund der nach wie vor fehlenden endgültigen Leitlinien können wir die Marktmenge der betroffenen Papierverbundverpackungen noch nicht abschließend beziffern. Wir arbeiten gerade intensiv an dem Thema. Klar ist aber, dass dieser Markt aktuell stark wächst und auch in den kommenden Jahren weiter stark wachsen wird.

Welche Substitutionseffekte machen Sie aufgrund der Plastik-Diskussion und speziell der Diskussion um Einweg-Kunststoffverpackungen aus?

In den vergangenen Jahren gab es ja bereits viele Veränderungen im Markt, die mit der Zuspitzung der Diskussion um Einweg-Kunststoffverpackungen immer mehr Dynamik bekommen haben. Ein gutes Beispiel für Substitutionseffekte stellen die Kunststofftragetaschen dar. Nach der Selbstverpflichtungserklärung des Handels, die Kunststofftragetaschen nicht mehr umsonst an die Kunden auszugeben, konnte kontinuierlich ein Rückgang festgestellt werden. Stattdessen greifen die Händler und Endverbraucher nun zu Papier- und Permanenttragetaschen oder bringen eigene Beutel oder Rucksäcke zum Einkaufen mit.

Aber auch bei den Serviceverpackungen sehen wir einen klaren Trend zu papierbasierten Verpackungen: mit Barrieren aus Kunststoff, biobasierten Lösungen und – wo es geht – auch ganz ohne Barriere. Ich habe aber den Eindruck, dass hier im Moment noch viel mit verdeckten Karten gespielt wird. Denn bereits im Zusammenhang mit dem Verpackungsgesetz wissen wir, dass viele dieser nicht oder nur schwer recycelbaren Papierverbunde einfach als Monoverpackungen deklariert werden. Das werden wir so auch im Zusammenhang mit der SUP-Umsetzung sehen, da bin ich sicher.

Über Kurt Schüler

Kurt Schüler studierte Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Frankfurt und Freie Universität Berlin mit den Schwerpunkten Außenwirtschaft und Statistik. Nach Stationen an der Bergischen Universität / Gesamtschule Wuppertal und der Fernuniversität Hagen wechselte er 1995 zur GVM Gesellschaft für Verpackungsforschung mbH. Seit Anfang 2004 ist er geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens. Zugleich ist er Projektleiter mit den Schwerpunkten Verpackungsverbrauch, Kunststoffverpackungen, Verwertung / Entsorgung von Verpackungen, Verpackungsverordnung sowie Duale Systeme.

Redaktion GastroInfoPortal

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Vertrauen schaffen in der Gastronomie Gastronomen müssen derzeit mit besonders gravierenden Einschränkungen umgehen und sowohl ihre Konzepte als auch ihre Hygienemaßnahmen stetig anpassen....
Metro-Kampagne für die Gastronomie Die Auswirkungen der weltweiten Corona-Pandemie haben unter anderem auch das Gastgewerbe hart getroffen. In diesem Jahr verzeichnet die Branche bereit...
Artikel mit Bildern drucken Artikel ohne Bilder drucken

Newsletter

Immer die aktuellsten Informationen. Melden Sie sich hier für unseren Newsletter an.
Zum Datenschutz

Send this to friend