x
Lebensmittelspenden Handel: Was tut der Großhandel, um Lebensmittelverschwendung zu reduzieren?

Spenden statt verschwenden

Datum: 10.09.2020Quelle: Redaktion GVMANAGER | Bilder: Colourbox.de, Transgourmet | Ort: Riedstadt

Deutschland hat sich verpflichtet, seine Lebensmittelreste bis 2030 zu halbieren – stolze sechs Tonnen gilt es einzusparen. Dazu müssen Primärproduzenten, Verarbeiter, Einzel- und Großhandel, Außer-Haus-Verpfleger sowie Endverbraucher im Rahmen der „Nationalen Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung“ der Bundesregierung seit 2019 gemeinsam an einem Strang ziehen.

Wie der Beitrag des Segments „Handel“ aussehen könnte, wurde im Juni 2020 in der Beteiligungserklärung zum Dialogforum Einzel- und Großhandel festgehalten.

Vorerst 17 Einzel- und Großhandelsunternehmen haben sich darin bereiterklärt, diverse verbindliche sowie Wahlpflichtmaßnahmen bis 2022 umzusetzen.

Zu den verbindlichen Maßnahmen zählen:

  • Beitrag zur Verbesserung der Datenlage rund um die Menge von Lebensmittelabfällen
  • Kooperation mit einer sozialen Einrichtung bzw. anderen Organisationen wie Gastronomiebetrieben, um noch verkehrsfähige Lebensmittel weiterzugeben.

Weitergabe noch verkehrsfähiger Lebensmittel als Beitrag des Großhandels zur Reduzierung von Lebensmittelverschwendung

Von der Spende an die Tafel, über Ware für Zoos bis hin zu Rabattaktionen für Gastro-Kunden reicht das Portfolio an Maßnahmen, die Transgourmet Deutschland bereits seit einiger Zeit ergreift und als Unterzeichner der Beteiligungserklärung noch stärker forcieren wird.

Mehr dazu hat uns Melanie Prengel, Leitung Nachhaltigkeit bei Transgourmet, exklusiv berichtet:

Melanie Prengel von Transgourmet spricht über Möglichkeiten der Reduzierung von Lebensmittelverschwendung durch den Handel.
Melanie Prengel

Frau Prengel, Zu den zwei verbindlichen Maßnahmen, denen sich Transgourmet als Projektpartner verpflichtet hat, zählt es Kooperationen einzugehen, um noch verkehrsfähige Lebensmittel weiter zu geben. Können Sie das konkretisieren?

Aus diversen Gründen fallen auch bei uns Lebensmittel an, die nicht mehr verkauft werden können. Bisher geben wir Lebensmittel, die nicht mehr abverkauft werden können, aber noch verzehrfähig sind, an soziale Organisationen ab. Die größte und bekannteste davon ist die Tafel. Viele unserer Logistikzentren und Cash & Carry-Märkte arbeiten bereits seit langem mit der regionalen Tafel bei sich vor Ort zusammen. Aber auch individuelle Organisationen, die Lebensmittel an Bedürftige weitergeben, oder „exotische“ Empfänger wie Zoos gehören dazu. So waren manche Zoos ja während der Hochphase der Corona-Krise in Bedrängnis gekommen – und wir froh, helfen zu können.

Was ist unter „noch verkehrsfähig“ zu verstehen?

Verkehrsfähig bedeutet, dass ein Lebensmittel im Sinne des Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuches (LFGB) und der Verordnung (EG) Nr. 178/2002 sicher, nicht gesundheitsschädlich und für den Verzehr durch den Menschen geeignet ist.

Das kann auch ein Lebensmittel sein, welches das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hat. Dieses wird oft mißverstanden. Viele denken, die Produkte wären danach nicht mehr genießbar und werfen sie weg. Dabei sind diese Produkte meist tage- und in manchen Fällen sogar noch wochenlang danach bedenkenlos genießbar.

Ein Problem dabei ist doch aber die Haftung. Wer ist schuld, wenn sich jemand an einem „abgelaufenen“ Lebensmittel den Magen verdirbt?

Vom Gesetzgeber werden uns Vorgaben gemacht, wer bei Lebensmittelspenden welche Risiken zu tragen hat. Beispielhaft dafür ist der „Leitfaden für die Weitergabe von Lebensmitteln an soziale Einrichtungen“ des BMEL, an dem sich auch gastronomische Betriebe orientieren können, die noch verkehrsfähige Lebensmittel abgeben möchten.

Diese Regelung der Bundesregierung zur Haftung erschwert leider konkrete Maßnahmen – nicht nur uns, sondern auch anderen Akteuren wie den Empfängerorganisationen. Viele Unternehmen schrecken davor zurück, Produkte nach dem Ablauf des MHD abzugeben. Bei Organisationen wie Foodsharing nehmen daher die Privatpersonen, die die Lebensmittel „retten“, die komplette Haftung per Haftungsausschluss auf sich. Hier ist der Gesetzgeber gefragt, bessere Lösungen zu finden. Eine Lösung wie die ECO-Plattform, an der die Deutschen Tafeln arbeiten, oder Vergleichbares wäre sehr hilfreich.

Können auch Gastronomiebetriebe an „noch verkehrsfähige Lebensmittel“ bei Transgourmet kommen?

In erster Linie erfolgt die kostenlose Spende bei Transgourmet an soziale Organisationen wie die Tafeln, die so wiederum Bedürftige unterstützen.

Unsere Kunden kommen bereits einen Schritt davor ins Spiel. Wir haben diverse Möglichkeiten Restbestände wie auslaufende Saisonware oder Ware mit nur noch kurzer MHD-Restzeit verbilligt an Kunden abzugeben. Hierfür nutzen wir vielfältige Methoden:

  • die direkte Ansprache unserer Kunden durch die Fachberater,
  • die Telefonverkäufer
  • und den Bereich GoodBuy im Online-Shop.

Gastronomen können dadurch gerade in diesen schwierigen Zeiten ihre Gewinnspanne verbessern und gleichzeitig Lebensmittel vor der Tonne retten.

Wie wollen Sie die Abgabe noch verkehrsfähiger Lebensmittel an soziale Organisationen künftig weiter verbessern?

Bisher erfolgte dies meist dezentral gesteuert aus den einzelnen Logistiklagern und Märkten heraus. Dabei war es für die Kollegen nicht immer einfach, den Überblick zu behalten: Welche Empfängerorganisationen sind seriös? Wie kann das Handling möglichst einfach erfolgen?

Auch ist es nicht immer und überall möglich, eine dauerhafte Zusammenarbeit mit Organisationen wie den Tafeln zu pflegen, z. B. aufgrund zu großer Distanzen zueinander oder fehlender Kühlmöglichkeiten seitens der Empfänger. Teilweise sind auch unsere Gebinde zu groß.

Wir wollen daher künftig:

  • … das Engagement mehr bündeln, strukturieren und einen besseren Überblick schaffen sowie mit Produzenten, Herstellern und Empfängerorganisationen nach Lösungen suchen
  • … Best Practices im Unternehmensumfeld identifizieren und multiplizieren.
  • … neue Kooperationen ausprobieren.

Mit wem wollen Sie enger kooperieren?

Für uns sind in erster Linie Organisationen interessant, die bundesweit agieren. So bereiten wir ein Pilotprojekt mit Foodsharing vor – einer Organisation die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Lebensmittel vor der Tonne zu retten. Wir starten mit einer Handvoll Selgros-Märkte und bei Erfolg wird die Zusammenarbeit bundesweit und spartenübergreifend ausgeweitet.

Mit der Tafel gibt bereits vielerorts eine regionale Zusammenarbeit. Diese wollen wir professionalisieren und auf ein breiteres Fundament stellen. Zum Beispiel streben wir eine offizielle Kooperation zwischen der Tafel Deutschland und Transgourmet Deutschland an.

Kooperieren Sie auch mit dem Dialogforum Außer-Haus-Verpflegung der Nationalen Strategie zur Reduzierung von Lebensmittelverschwendung?

Wir befinden uns tatsächlich in engem Austausch, eine „offiziellere“ Vernetzung findet zudem über das Nationale Dialogforum statt.

Zudem ist Transgourmet als Gründungsmitglied im Vorstand von United Against Waste e.V. vertreten – der Organisation, die zugleich das AHM-Forum leitet.

In diesem Rahmen rufen aktuell unsere Kunden auf, bei der Aktionswoche „Deutschland rettet Lebensmittel“ vom 22. bis 29 September 2020 teilzunehmen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Lebensmittelabfälle reduzieren

Lebensmittelspenden statt wegwerfen ist eine der Maßnahmen, die zur Reduzierung von Lebensmittelverschwendung beiträgt.Welchen Beitrag können Gastronomie, Gemeinschaftsgastronomie, Schulen, Hotels und Catering zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen leisten? Beispielhafte Ideen hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hier zusammengetragen.

Sie sind ein Außer-Haus-Betrieb und engagieren sich bereits gegen Lebensmittelverschwendung? Dann nehmen teil Sie an der Aktionswoche „Deutschland rettet Lebensmittel“ vom 22. bis 29 September 2020!

Claudia Kirchner / Redaktion GVMANAGER

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

SchmExperten in der Lernküche Das Medienpaket „SchmExperten in der Lernküche“ vom Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) wurde neu aufgelegt und bietet Lehrenden nun noch mehr Unters...
Kulinarischer Baukasten: Individualität ist Trumpf... Die Innogy Gastronomie setzt mit dem Snack-Konfigurator und dem Salat-Master am neuen RWE-Campus in Essen auf ein hohes Maß an Individualität. Gäste s...
Eigener Gemüseanbau in Bioland-Qualität Der eigene Gemüseanbau bei Rebional ist gestartet: Das Cateringunternehmen aus Herdecke pflanzte in Kooperation mit einem Bioland-Bauern eigenes Gemüs...
Artikel mit Bildern drucken Artikel ohne Bilder drucken

Newsletter

Immer die aktuellsten Informationen. Melden Sie sich hier für unseren Newsletter an.
Zum Datenschutz

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von t748c5bc4.emailsys1a.net zu laden.

Inhalt laden

Send this to friend