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Schulessen

Schulessen: Mensa als kulturelle Arena

Datum: 22.11.2018Quelle: Inhalt: Frankfurt UAS, Foto: Colourbox.de | Ort: Frankfurt am Main

Für Prof. Dr. Lotte Rose, Essens- und Körperforscherin an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) steht fest: Das Schulessen steht unter öffentlicher Beobachtung, seitdem immer mehr Kinder in Deutschland mittags in der Schule verköstigt werden. „Regelmäßig gibt es skandalisierende Medienmeldungen zu Preisdruck, schlechter Gesundheits- und Geschmacksqualität der Verpflegung, geringen Nutzungszahlen und Kritik an der Versorgung durch industrielle Groß-Caterer“, erklärt sie.

Eigensinniger Ort einer Jugendkultur

Charakteristisch ist für die Wissenschaftlerin bei der derzeitigen medialen, politischen und wissenschaftlichen Diskussion zum Schulessen, dass Experten diverser Disziplinen und Interessensfraktionen verhandeln, wie das Schulessen idealerweise sein sollte. Wenig Aufmerksamkeit gibt es jedoch bislang dafür, was das Schulessen eigentlich für junge Menschen bedeutet. Was erleben Schüler in der Mensa, wie eignen sie sich diesen Raum an und wie „bespielen“ sie ihn, was tun sie miteinander und mit den Speisen und welche Rolle spielen bei alledem die Fachkräfte? Diesen Fragen ging das Forschungsprojekt „Doing Gender und Doing Diversity am Mittagstisch. Eine Untersuchung von Verpflegungssituationen in pädagogischen Einrichtungen“ nach.

Von 2011 bis 2014 lief das Projekt an der Frankfurt UAS. An sechs Schulstandorten wurden teilnehmende Beobachtungen des Mittagessens durchgeführt und ethnografisch dokumentiert. Darunter waren Versorgungssettings der Mensa, aber auch des betreuten Essens in Gruppen, wie es für die ersten Klassenstufen verbreitet ist. Ziel war, den Praxisalltag empirisch zu erfassen und zu beschreiben, was sich in den Verpflegungssituationen als soziale Routinen vollzieht. „Getragen war dieser Blick von der kindheitstheoretischen Idee, dass es sich beim Schulessen um einen Schulraum handelt, der, wie Klassenzimmer, Schulhof, Flure, Toiletten und Umkleiden und Schulbushaltestelle, ein Ort von eigensinniger Kinder- und Jugendkultur ist. Schüler versuchen hier wie an den anderen Schulorten auch, ihr ‚eigensinniges Leben‘ durchzusetzen – innerhalb der bestehenden institutionellen und pädagogischen Rahmungen, aber auch oft genug gegen diese“, erläutert Prof. Dr. Lotte Rose.

Über das Essen hinaus

Es wurde ethnografisch eingefangen, was Speisen, Räume und Möbel als stumme Akteure des Schulessens mit Schülern machen und wie sie sich mit ihnen arrangieren und kreativ anders nutzen. Eine große Rolle haben hierbei Spieltätigkeiten. Das Spielrepertoire ist reichhaltig und umfasst den gesamten Fundus der klassischen Kinderspiele wie Sprach-, Klatsch- und Singspiele, Fantasie- und Rollenspiele, aber auch Spiele mit Tischgegenständen und Körper- und Bewegungsspiele. Zudem wird auch das Essen selbst zur Spielressource. Es wird ausprobiert, wer wieviel in welcher Geschwindigkeit verschlingt, ob eine Kartoffel auch ohne Kauen runtergeschluckt werden kann, wann der Hähnchenknochen bricht. Speisen werden auf dem Teller verändert z. B. beim Zermatschen der Kartoffeln mit Ketchup, oder sie werden ungenießbar gemacht, z. B. durch Verunreinigungen.

Beobachtet wurden zudem die Konversation am Tisch sowie Konflikte in der Peergroup und zwischen den Generationen. „Die Frage, wer wo mit wem beim Mittagessen sitzt, erweist sich als hochrelevant und gleichzeitig als diffizile Herausforderung. In kürzester Zeit müssen schließlich Tischpartner gefunden, Stühle und Tische reserviert und gleichzeitig das Essen organisiert werden – eine sozial stressende Situation, die jeden Tag neu bewältigt werden muss“, betont die Wissenschaftlerin.

Die Forschungsgruppe hat auch untersucht wie Gesundheit als Leitfigur des Schulessens wahrgenommen wird und was daraus im banalen Praxisalltag wird. Die Studie zeigt, dass Wasserangebote angenommen werden und Gemüse als Gesundheitssymbol zwischen den Generationen sozial umkämpft bleibt: Kinder verweigern sich, während Erwachsene sie dazu bringen möchten.

Betreut oder unbetreutes Schulessen

Symptomatisch seien die beiden Formate des Schulessens: Es gibt zum einen das von Erwachsenen betreute Essen an einer gemeinsamen Tafel für die Jüngeren, zum anderen das das organisierte Mensa-Essen für die Älteren. Das betreute Essen geschieht nach bürgerlich-familialem Vorbild. Dazu gehört das Händewaschen vor dem Essen, die gemeinsame Versammlung am Tisch, das Auftragen der Speisen in großen Schüsseln, aus denen sich die Einzelnen selbst bedienen, der gemeinsame Beginn des Verzehrs nach einem kollektiven Ritual und ein geregeltes Ende der Mahlzeit. Erwachsene überwachen hier engmaschig und relativ streng Sitte und Anstand am Tisch. In der Mensa haben sich demgegenüber die erwachsenen Betreuungspersonen zurückgezogen. Schüler gestalten das Essen selbst. Es finden sich zwar noch Essensgruppen zusammen, aber eher informeller. Man kommt und geht, beginnt zu essen, wenn man seinen Platz hat, steht auf, wenn man will. Auch die Manieren sind unkonventioneller: Es wird gespielt, gestritten, geärgert, gealbert usw. Den Älteren wird unterstellt, dass sie über die entsprechenden Selbststeuerungskompetenzen bereits verfügen und keiner Reglementierungen beim Essen mehr bedürfen, sagt Prof. Dr. Lotte Rose.

„Die Ergebnisse des Forschungsprojektes wurden von uns in einem Buch vorgelegt. Entstanden ist eine umfassende ethnografische Sozialreportage zu den Vorgängen beim Schulessen, die nicht evaluieren, sondern schlicht erzählen will von dem, was sich an den Ausgabetheken und Tischen ereignet. Unser Anliegen ist, dafür zu sensibilisieren, dass Schulessen sehr viel mehr und anderes ist als ein nutritives Verpflegungsereignis“, sagt Prof. Dr. Lotte Rose.

Mareike Knewitz / Gastroinfoportal

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