x
fordyce

Der Diamantenjäger

Datum: 10.07.2020Quelle: Redaktion first class | Fotos: Masande, Fordyce | Ort: Rödermark

Als Foodscout kennt sich Andrew Fordyce in der Weltküche so gut aus wie kaum ein anderer. Getrieben vom Verlangen nach Innovation und der Leidenschaft für besonderes Essen, ist er auf der Suche nach kulinarischen Schätzen.


„Sind wir bescheuert in Deutschland?!“ Andrew Fordyce ist sauer. Auf die missliche Lage der Gastronomie in Corona-Zeiten angesprochen, gerät er in Rage. Seine Gesichtsfarbe ändert sich, er wird rot, gestikuliert wild. Sein Körper spannt sich in seinem Bürostuhl, er setzt sich auf, will deutlich machen, dass er den Umgang der Politik mit dem Gastgewerbe als große Ungerechtigkeit empfindet. Die Leidenschaft für die Branche spricht aus ihm. Seit mehr als 30 Jahren existiert Andrew Fordyce für die Gastronomie. Für ihn sind Leben und Essen nicht voneinander zu trennen.

Hemdsärmlig und bodenständig

Sein Blick ist wach, die Falten um seine Augen zeugen davon, dass er viel lacht. Der 51-jährige Unternehmer trägt die langen grauen Haare zurückgegelt, der Bart am Kinn macht sein breites, jungenhaftes Gesicht älter. Die Brille rutscht hin und wieder, weil Fordyce beim Sprechen nachdrücklich mit dem Kopf ruckt, um einen Satz besonders zu betonen. „Wenn die Banken und die Energiekonzerne Scheiße bauen, dann ist die Regierung da, um die da rauszuholen. Was ist mit der Gastronomie? Warum interessiert sich keiner für uns?!“, will er wissen. „Du merkst, ich bin leidenschaftlich“, kommentiert er seinen eigenen Ausbruch grinsend und entspannt sich wieder. Die Wut ist schnell verflogen.

Frodyce
Andrew Fordyce (2000)

Denn eigentlich ist Andrew Fordyce ein gelassener Typ. Noch vor dem ersten Treffen bietet seine PR-Beraterin, Petra Meisel, stellvertretend für ihn das Du an. Sie beschreibt Fordyce als „hemdsärmeligen Typen“ und erklärt, dass er es so einfach lieber mag. Fordyce ist eine Marke, gibt sich authentisch, spricht gerade heraus. Er lacht viel und flucht auch mal zwischendurch. Der Akzent ist stark, die Rs rollen amerikanisch, die Os sind round and expressive wie in „hOme“ oder „gO“.  Immer wieder schleicht sich ein „You know“ zwischen die Worte, bestimmte Artikel sind nicht so seine Stärke.

Wissen (ver)teilen

Als Foodscout ist Fordyce immer auf der Suche nach dem nächsten Trend, kennt sich aus in der Weltküche und will seine Leidenschaft mit den Menschen teilen. „Wenn Leute etwas Neues ausprobieren und es schmeckt, reden sie darüber. Das Wissen über gutes Essen zu verteilen ist, was mir am meisten Spaß macht. Ich suche nach kulinarischen Diamanten und fange an, sie zu schleifen. Ich bin ein Diamantenjäger“, lacht er.

Andrew_Dad BBQ
Andrew Fordyce mit seinem Vater Peter John Fordyce an dessen 60. Geurtstag beim Barbecue. (2000)

Andrew Fordyce ist gebürtiger Südafrikaner. An der Ostküste geboren und aufgewachsen, sind es vor allem die Werte des Vaters, die die Grundlage für sein späteres Leben legen, wie er selber sagt. „Mein Vater hat uns mit dem Gedanken großgezogen, dass man jeden Menschen, egal welcher Hautfarbe oder Religion, respektieren sollte. Außerdem war er ein sehr positiver Mensch und ein Macher. All das habe ich von ihm gelernt.“

Seinen Bezug zur „Hospitality“ bekommt er jedoch durch die Mutter, eine Physiotherapeutin, die immer wieder Gäste aufnimmt und bewirtet, weil es in der Gegend, in der Fordyce aufwächst, der Transkei, keine Hotels gibt.

Auf in die Welt

Nach einem abgebrochenen Studium absolviert er eine Ausbildung in der Hotellerie, arbeitet 16 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Danach zieht es ihn nach Amerika, wo er in verschiedenen Hotels arbeitet. Dort lernt er auch seine erste Frau kennen, eine Deutsche, durch die er schließlich nach Europa findet. Er bewegt sich hauptsächlich zwischen England und Deutschland, baut sich ein umfangreiches Netzwerk auf und arbeitet gemeinsam mit Branchengrößen wie McDonalds, Salomon oder Hans im Glück, die ihn für sein Wissen im Foodbereich schätzen.

Andrew_Mom Fay
Andrew Fordyce mit seiner Mutter Fay. (1999) “Von ihr habe ich meinen Bezug zur Hospitality!”

Der europäische Markt fasziniert ihn. Die Vielfältigkeit der Kulturen auf vergleichsweise engem Raum macht den Kontinent auch aus kulinarischer Sicht interessant. „In Amerika hast du im Umkreis von 250 Kilometern die gleiche Sprache, die gleiche Währung und die gleichen Brands. In Europa bewegst Du Dich da sofort zwischen zwei oder drei Ländern, Sprachen und Kulturen. Die Komplexität ist einfach viel größer“, erklärt er. In den oft grundverschiedenen Länderküchen kann Fordyce nach unentdeckten Schätzen stöbern, probiert Neues und teilt das erworbene Wissen auf seinen Food Trend Tours, bei denen er Gastronomen Trends und kreative Gastrokonzepte nahebringt.

Zukunftstrends und Misserfolge

Er hat ein Gespür für die Zukunft des europäischen Food-Marktes. Mit Sushi zum Beispiel arbeitete er schon 1998, als das asiatische Kleinod in Europa kaum jemand kannte. In Zusammenarbeit mit dem Schweizer Food-Unternehmen Essento ist er auch aktuell seiner Zeit voraus und versucht Insekten-basierte Produkte als umweltfreundliche Proteinquelle zu etablieren. Doch auch Fordyce liegt mit seinen Prognosen nicht immer richtig. So lud er 2010 seinen Freund Thomas Hirschberger nach England ein, um ihm Burritos schmackhaft zu machen: „Burritos will be the next fucking big thing!“, erklärte er ihm. Hirschberger ist nicht überzeugt und gründet kurze Zeit später lieber die Burger-Kette „Hans im Glück“.  „Die haben echt erkannt, dass Burritos doch nicht das nächste große Ding sind“, lacht Fordyce. „Ich finde grandios, was sie aufgebaut haben.“

Reset für die Seele

Überhaupt ist Fordyce sehr Burger-affin, liebt das Casual-Dining und hat eine Faszination für Streetfood. Mit seiner Firma Masande entwickelt er inzwischen Exportstrategien für große Food-Unternehmen. Unter der Marke YUMMY trendfood & streetfood vertreibt er außerdem seine eigenen Produkte. Er bezeichnet sich selbst als EATrepreneur. Geld habe dabei für ihn allerdings nie eine Rolle gespielt: „Auch das habe ich von meinem Vater. Als Arzt hat er damals oft nur drei oder vier Eier für seine Behandlung bekommen, weil die Leute nichts anderes hatten“, erinnert er sich. Auch Fordyce ist inzwischen Vater von zwei Kindern und hat sich in Deutschland niedergelassen. Seiner Heimat Südafrika bleibt er verbunden, für ihn ist sie in „Herz, Kopf und Körper“ verankert. Einmal im Jahr kehrt er dorthin zurück, um sich zu erholen, geht Angeln und genießt sein Lieblingsessen „Gnush“, eine Mischung aus Mais und Bohnen mit ein wenig Fett und Salz. Danach fühlt er sich geerdet und ist bereit für die Jagd nach dem nächsten Diamanten.

Benjamin Lemm / Gastroinfoportal

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Masande: SunWOWer Burger Kategorie Nachhaltigkeit – Masande: SunWOWer Burger Burgerpatty auf Basis von Sonnenblumenprotein Der Burger folgt nicht allein einem Nachhaltig...
Kreativ kombiniert Auf der Internorga stellte Masande sein Yummy Chow als Produktneuheit für die Streetfood-Branche vor – ein ausgehöhltes Brötchen,...
Aufruf: „Deutschland rettet Lebensmittel“ Über zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel landen jährlich in Deutschland im Müll. Alle haben daran ihren Anteil: Primärproduktion, Verarbeitung, Handel...
Ein 5-Sterne-Hotel fährt hoch Der Restart im Gastgewerbe ist in vollem Gange. Doch bevor es wieder so richtig losgehen kann, müssen die gesetzlichen Hygienemaßnahmen umgesetzt und ...
Münster eröffnet digitalen Biergarten Mit einem bisher einzigartiges Biergartenkonzept stärken gastro.ms und die Gorilla Bar die Außengastronomie in Münster. In einem temporären, digitalen...
Artikel mit Bildern drucken Artikel ohne Bilder drucken

Newsletter

Immer die aktuellsten Informationen. Melden Sie sich hier für unseren Newsletter an.
Zum Datenschutz

Send this to friend