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CO2-Schleuder Tourismus

Datum: 24.11.2020Quelle: Redaktion first class | Bilder: Ross Parmly on Unsplash, Ulrike Wachotsch, atmosfair | Ort: München

Durch CO2-Ausgleichszahlungen können sich Betriebe das Attribut „klimaneutral“ erkaufen. Ob eine solche Kompensation wirklich sinnvoll ist, erklärt Corinna Gather vom Umweltbundesamt in unserer Kompendiumsausgabe. Wer die Emissionen seines Haushaltes berechnen möchte, und wissen will, wie viel CO2 bei Flugreisen entsteht, kann das im CO2-Rechner des Umweltbundesamtes herausfinden. Den Ratgeber des Umweltbundesamtes zur freiwilligen CO2-Kompensation finden Sie hier.

Luxusgut Urlaub

Auch wenn die Hotels an sich schon einen großen Beitrag zu umweltfreundlicheren Tourismus leisten können, sind es vor allem die Flugreisen, die jährlich Millionen von Tonnen CO2 freisetzen und so einen erheblichen Schaden verursachen. Wie gravierend dieser tatsächlich ist, erklärt Ulrike Wachotsch vom Umweltbundesamt im Interview.

Tourismus
Ulrike Wachotsch, Umweltbundesamt

Frau Wachotsch, Urlaub ist ein Luxusgut, das in vielen Fällen auf Kosten der Umwelt existiert.  Reisen mit dem Flugzeug z.B. gelten mittlerweile in manchen Kreisen als Umweltsünde…

Wir in Deutschland haben heute im Durchschnitt einen jährlichen Pro-Kopf-Ausstoß von rund 11t CO2eq. Das ist viel, zu viel. Wir müssen noch etliche Hausaufgaben erledigen, um das Klimaziel von 95 % Treibhausgasminderung gegenüber 1990 bis 2050 zu erreichen; das bedeutet jährlich weniger als 1 t CO2eq pro Person. Ein Flug verursacht schnell einen Ausstoß von mehreren Tonnen CO2eq, was unter anderem an der Flughöhe und dem dort ausgestoßenen Wasserdampf liegt.

Daher empfiehlt sich, einen Flug nur zu besonderen und seltenen Anlässen zu nutzen. Wer das Klima schützen will, nutzt für Reisen Umweltfreundliche Verkehrsmittel wie das Fahrrad oder geht zu Fuß. Auch Bahn und Bus sind klimaverträglich, ebenso wie sparsame und mit mehreren Personen besetzte Pkw.

Wie groß ist der Schaden, der jährlich durch die Tourismusbranche für die Umwelt entsteht?

Die Hotel- und Tourismusbranche ist für fünf bis acht Prozent des Ausstoßes aller Treibhausgase verantwortlich. Die Berechnungen sind allerdings nicht so einfach und es gibt auch ermittelte Werte in einem unserer Forschungsvorhaben, die für den deutschen Tourismus bis zu zwölf Prozent ermitteln. Das ist erheblich. Weitere Umweltschäden entstehen durch die Inanspruchnahme von Ressourcen wie Wasser, Fläche, Rohstoffen etc. Diese sind sehr schwierig zu quantifizieren, da sich die touristische Leistungskette durch eine hohe Komplexität und Individualität jeder einzelnen Reise auszeichnet.

Wir forschen derzeit in diesem Bereich an einer neuen Mess-Methode. Die Branche ist ja vom Klimawandel betroffen und auf eine intakte Natur und Umwelt angewiesen. Einige Tourismusdestinationen und Unternehmen haben erkannt, dass es in ihrem Eigeninteresse ist, viel mehr zu unternehmen, um die Umweltauswirkungen zu reduzieren. Wir sehen da noch große Potenziale. Es gibt bereits eine Reihe von Vorreiterunternehmen, von denen gelernt werden kann.

Wie groß ist der Anteil des Reiseverkehrs (Flüge etc.) an dem Schaden?

atmosfairVon allen Verkehrsemissionen können wir einer neuesten Untersuchung zufolge 53% dem Reiseverkehr zurechnen. Das sind 111 Mio. Tonnen CO2eq. Obwohl jede Bürgerin und jeder Bürger in Deutschland weniger als einmal im Jahr das Flugzeug nutzt, gehen 25% der gesamten Emissionen des Reiseverkehres zu Lasten der Flugreisen. 51 Mio. Tonnen CO2eq entstehen durch innerdeutsche Reisen und 59,8 Mio. Tonnen CO2eq bei Reisen ins Ausland.

Für Reisen innerhalb Deutschlands nutzen viele ihr eigenes oder geliehenes Fahrzeug; durch den motorisierten Individualverkehr entstehen so über 80% der klimaschädlichen Emissionen. Das Flugzeug nutzen innerdeutsch lediglich 5%. Für Reisen ins Ausland wird deutlich häufiger das Flugzeug genutzt und hier liegt der Anteil der Emissionen über 85%.

Ist vor diesem Hintergrund Urlaub im eigenen Land bzw. In der näheren Umgebung anstatt z.B. Auf einem anderen Kontinent das Modell der Zukunft?

Wer sich aber umweltfreundlich verhalten will, sucht sich sicher am besten Ziele aus, die in der Nähe liegen oder die mit dem Zug-, Nachtzug oder Reisebus bequem erreichbar sind. Klimaschonende Weltreisen per Fahrrad wurden auch schon mehrfach unternommen, allerdings eher von wenigen Menschen.

Was sind die Stellschrauben, an denen im Bereich Tourismus und Hotellerie in Sachen Nachhaltigkeit vor allem gedreht werden muss?

Flugreisen und Kreuzfahrten sind mit sehr großen Umweltbelastungen verbunden. Tourismusunternehmen müssen aus unserer Sicht ihr Geschäftsmodell anhand der Nachhaltigkeitskriterien auf die Zukunftsfestigkeit überprüfen. Sind sie z.B. im Outgoing- oder Incoming-Geschäft auf Flüge oder Kreuzfahrten angewiesen, so sollten Sie überlegen, was sie alternativ anbieten können und nach und nach weitere Produkte anbieten. Im Gegensatz zur aktuellen Situation wissen wir bezogen auf Umwelt- und Klimaschutzbelange schon heute, dass alle wirtschaftlichen Aktivitäten, die Umweltbelastungen verursachen, die über die planetaren Grenzen hinaus gehen, eingestellt werden müssen.

Vielen Dank für das Gespräch!


Zur Person: Ulrike Wachotsch hat an der Universität Potsdam 2007 ihr Magisterstudium mit in den beiden Hauptfächern Anthropogeographie und germanistische Linguistik abgeschlossen. Schon vor und während des Studiums engagierte sie sich ehrenamtlich im Bereich Umwelt und wusste, dass sie in diesem Bereich tätig werden wollte. 2011 schließlich begann sie beim Umweltbundesamt, zunächst im Fachgebiet Umwelt und Verkehr. 2015 griff das Umweltbundesamt das Thema Umwelt und Tourismus nach zehnjähriger Pause erneut auf. Seither forscht sie zu Fragestellungen, die den nachhaltigen Tourismus betreffen.

Redaktion first class

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