x

2,15 Milliarden Überstunden

Datum: 28.06.19Quelle: NGG | Foto: Spencer Davis on Unsplash | Ort: Berlin

Ein enormer Überstunden-Berg türmt sich auf: Knapp 2,15 Milliarden Arbeitsstunden haben die Beschäftigten in Deutschland im vergangenen Jahr zusätzlich geleistet. Davon 1,01 Milliarden Überstunden zum „Null-Tarif“ – ohne Bezahlung. Jeder Beschäftigte leistete damit im vergangenen Jahr im Schnitt 24,9 „Umsonst-Stunden“ für den Chef. Das geht aus dem „Überstunden-Monitor“ hervor, den das Pestel-Institut am Donnerstag im Auftrag der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Berlin vorgestellt hat. Damit haben die Beschäftigten den Unternehmen bundesweit gut 25 Milliarden Euro „geschenkt“, so der Leiter des Pestel-Instituts, Matthias Günther.

Überstunden unbezahlt

Allein im Tourismus, in den Hotels und Gaststätten sind, so das Pestel-Institut, nach dem aktuellen Mikrozensus 45 Prozent aller Überstunden unbezahlt. „Und das, obwohl mehr als die Hälfte aller Arbeitsplätze im Hotel- und Gaststättengewerbe Mini-Jobs sind. Von der Küchenhilfe bis zum Kellner: Hier arbeiten Menschen, die auf jeden Cent angewiesen sind“, sagt der NGG-Vorsitzende Guido Zeitler. Dabei würden gerade in der laufenden Sommersaison die geringfügig Beschäftigten – ob in Gaststätten oder Biergärten – zu Überstunden gedrängt, obwohl ihr 450-Euro-Job keinen Extra-Euro beim Verdienst zulasse. „Entweder werden Überstunden dann nicht oder mit ‚Schwarzgeld‘ bezahlt“, befürchtet Guido Zeitler.

Gegen flexiblere Arbeitszeiten

Die NGG hält deshalb dagegen: Sie startete am Donnerstag die bundesweite Gastgewerbe-Kampagne „#fairdient“, um den gut 1,7 Millionen Beschäftigten in Hotels und Gaststätten eine öffentliche Stimme zu geben. Denn ihnen drohe – über den „Lohn-Aderlass bei Überstunden“ hinaus – noch ein anderes Problem: Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) dränge die Bundesregierung, die Arbeitszeiten noch flexibler zu machen. „Im Klartext geht es um ein Durchlöchern des Arbeitszeitgesetzes und die Ausweitung der täglichen Höchstarbeitszeit auf bis zu 13 Stunden.“

Guido Zeitler mahnt: „Das Arbeitszeitgesetz ist ein Schutzgesetz. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass zu viel Arbeit krank macht. Schon heute klagt jeder dritte Beschäftigte in Deutschland bei Mehrarbeit über Schlafstörungen, Erschöpfung und Rückenschmerzen. 2016 gab es 30.000 Arbeitsunfälle und 6.000 Wegeunfälle im Gastgewerbe. Diese Zahlen werden sich dramatisch erhöhen, wenn Aufmerksamkeit und Konzentration in überlangen Schichten weiter abnehmen und die Interessen der Beschäftigten nicht berücksichtigt werden.“

Große Flexibilität?

Eine Befürchtung, die auch die Wissenschaftler vom Pestel-Institut teilen: „Eine noch weiter flexibilisierte Arbeitszeit durchkreuzt nicht nur das Privatleben von Beschäftigten, sie nimmt ihnen auch zum großen Teil die Planung von weiteren Erwerbsmöglichkeiten. Wie sollen 21 Prozent der Menschen, die nebenbei im Gastgewerbe arbeiten, dies künftig mit ihrer Hauptbeschäftigung vereinbaren, wenn sie für den Nebenjob enorme Flexibilität mitbringen sollen?“, wirft Matthias Günther die Frage auf. Schon heute erreiche das Hotel- und Gaststättengewerbe eine große Flexibilität: Es gehöre zu den Branchen mit dem höchsten Anteil an Mini-Jobbern, die als un- und angelernte Kräfte äußerst flexibel eingesetzt würden.

Für mehr Attraktivität

„Im Gastgewerbe ist es gang und gäbe, weit überdurchschnittlich oft an Wochenenden und Feiertagen, spätabends und auf Abruf zu arbeiten. Dazu kommt ein guter ‚Flex-Faktor‘ durch Arbeitszeitkonten. Dies alles ist durch Tarifverträge längst geregelt“, sagt der NGG-Vorsitzende Guido Zeitler. Eine weitere Flexibilisierung sei nicht erforderlich. Im Gegenteil: „Sie würde dem Gastgewerbe voraussichtlich sogar schaden. Denn die Attraktivität einer Branche hängt immer auch von attraktiven Arbeitszeiten ab. Es sei nicht zu erwarten, dass das Hotel- und Gaststättengewerbe – bei einer der heute schon im Branchenvergleich niedrigsten Ausbildungsquoten – durch eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit an Attraktivität gewinne. Unsere Antworten auf Fach- und Arbeitskräftemangel und für ein besseres Image der Branche sind eine vernünftige Dienstplangestaltung, Tarifbindung und ein Arbeitsalltag, der auch einen gesunden Eintritt in die Rente möglich macht.“

Eva Fürst / Gastroinfoportal

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Hohe Verschuldungsrate 14 Prozent aller Unternehmen in Deutschland weisen ein negatives Eigenkapital auf – dies geht aus einer Erhebung von Creditsafe Deutschland hervor. Di...
Gesundheit im Gastgewerbe: Teil 2 In der vergangenen Woche lasen Sie an dieser Stelle, warum das Betriebliche Gesundheitsmanagement im Gastgewerbe immer wichtiger wird, welche Vorteile...
The World’s 50 Best Restaurants 2019 Die Stars der Restaurantwelt trafen sich am Abend des 25. Juni zu den 50 Best Restaurants 2019 Awards der Welt, gesponsert von S.Pellegrino & Acqu...
Artikel mit Bildern drucken Artikel ohne Bilder drucken

Newsletter

Immer die aktuellsten Informationen. Melden Sie sich hier für unseren Newsletter an.
Zum Datenschutz

Send this to friend