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Ergebnisse zur Tierwohl-Umfrage in der Gemeinschaftsgastronomie

Mehr Tierwohl in der Betriebsgastronomie

Datum: 23.06.2020Quelle: Verbraucher Initiative e.V. / Foto: Colourbox.de Ort: Berlin

Um die Betriebsgastronomie in die Tierwohl-Debatte einzubinden, beauftragte die Verbraucher Initiative das Marktforschungsinstitut Nielsen mit der Befragung „Einsatz von Fleisch aus artgerechter Haltung bei Großverbrauchern“. Denn der Fleisch- und Wurstkonsum in Deutschland ist hoch, so aber auch die Verbrauchererwartungen an eine verhaltensgerechtere Nutztierhaltung. Damit bedeutend mehr Nutztiere von besseren Haltungsbedingungen profitieren, muss sich die Betriebsgastronomie ihrer Verantwortung für das Tierwohl bewusst werden und entsprechend handeln.

Tierfreundliche Erzeugung stärker nachfragen

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass für tierfreundliche Produkte in Betriebsrestaurants noch deutlich Luft nach oben ist. Für die Hälfte der an der Studie beteiligten Großgastronomen (54 %) haben Produkte aus tierfreundlicher Erzeugung eine hohe bis sehr hohe Relevanz, tatsächlich fragt aber nur ein Drittel (36 %) beim Lieferanten nach der Haltungsform. Schätzungen der Befragten zufolge verwenden nur ein Drittel (36 %) der Betriebscasinos bis zu 40 % Fleisch aus einer Haltung, deren Kriterien über denen des gesetzlichen Tierwohl-Standards liegen.

Sowohl die Anzahl der Betriebsrestaurants als auch die Menge der eingesetzten Tierwohlprodukte könnten demnach deutlich höher sein. Die Diskrepanz zwischen der positiven Einstellung zum Tierwohl und der praktischen Umsetzung ist groß. Nur 16 % der Befragten konnten mit Sicherheit angeben, dass Vorgaben für den Erwerb von tierfreundlichen Produkten im Unternehmen festgelegt wurden. Es ist nicht bekannt, welche konkreten Tierwohlkriterien in den Vorgaben der Unternehmen Berücksichtigung finden. Die Ergebnisse lassen darauf schließen, dass große Unsicherheiten bezüglich der Kenntnisse über Tierwohl und der dafür relevanten Kriterien bei den Befragten bestehen.

Verantwortung für mehr Tierwohl übernehmen

Überraschend ist, dass 55 % der Befragten ihren eigenen Einfluss für eine tiergerechte Haltung hoch bis sehr hoch einschätzen. Entgegen der sehr positiven Selbsteinschätzung verweisen die GV-Manager auf die Verantwortung anderer Akteure. So soll an erster Stelle der Kunde sein Verhalten ändern und seine Zahlungsbereitschaft für tierfreundliche Produkte erhöhen. Allerdings sprechen nur 24 % der Befragten den Gästen eine erhöhte Zahlungsbereitschaft zu.

Aus diesem Grund sieht die Verbraucher Initiative als besonders wirkungsvolle Maßnahmen finanzielle Subventionen und Kommunikationsmaßnahmen. So sind Bund, Länder, Auftraggeber der Betriebsrestaurants und deren Betreiber gleichermaßen gefragt, um Kommunikationsmaßnahmen innerhalb der Betriebe oder der Behörde durchzuführen und einen geeigneten Rahmen für eine Umstellung auf tierfreundliche Produkte zu schaffen.

Handlungsempfehlungen

Für mehr Tierwohl in der Betriebsgastronomie müssen alle relevanten Akteure zusammenwirken. Die Handlungsempfehlungen der Verbraucher Initiative sind ein Beitrag zum Prozess, (mehr) tierfreundliche Produkte in Betriebscasinos zu bringen.

Die nachstehenden Handlungsempfehlungen richten sich an die Politik, die Gemeinschaftsverpflegung der öffentlichen Hand, die Unternehmen mit Betriebsgastronomie, die Caterer, die Lieferanten und die Landwirtschaft.

Handlungsempfehlungen für …

... die Politik

  • Aufforderung an die Gemeinschaftsverpflegung ihr Angebot auf tierfreundliche Produkte umzustellen
  • Regelungen für die Gemeinschaftsverpflegung: Kennzeichnung des Tierwohlniveaus der Menüs mit tierischen Produkten > Transparenz durch Informationen zum Tierwohlniveau der eingesetzten Ware > Ausbau des Angebots mit tierfreundlichen Erzeugnissen mindestens ab Haltungsstufe 2
  • Festschreibung verbindlicher Regelungen in den Ausschreibungs- und Vergabegesetzen für die Verwendung tierfreundlicher Erzeugnisse mindestens ab Haltungsstufe 2 in Betriebsrestaurants der öffentlichen Hand
  • Finanzielle Unterstützung von Kommunikationsmaßnahmen zwischen Erzeugern, NGOs und der Betriebsgastronomie
  • Einrichtung von Weiterbildungs- und Beratungszentren für Großküchen nach dem Vorbild vom „House of Food“ (Kopenhagen) oder der „Kantine Zukunft“ (Berlin)

... die Gemeinschaftsverpflegung der öffentlichen Hand

  • Verwendung tierfreundlicher Erzeugnisse mindestens ab Haltungsstufe 2
  • Formulierung von hausinternen Vorgaben mit verbindlichen, überprüfbaren Zielvorgaben zum Einsatz tierfreundlicher Erzeugnisse mindestens ab Haltungsstufe 2
  • Verwendung kleinerer Fleischportionen pro Teller
  • Beteiligung an den Mehrkosten für tierfreundliche Erzeugnisse mindestens ab Haltungsstufe 2
  • Kommunikationsmaßnahmen zum Tierwohl- und Qualitätsengagement im Betriebsrestaurant gegenüber Gästen
  • Einbindung des Betriebsrats und der Mitarbeitenden am Umstellungsprozess

... Unternehmen mit Betriebsgastronomie

  • Verwendung tierfreundlicher Erzeugnisse mindestens ab Haltungsstufe 2
  • Formulierung von hausinternen Vorgaben mit verbindlichen, überprüfbaren Zielvorgaben zum Einsatz tierfreundlicher Erzeugnisse mindestens ab Haltungsstufe 2
  • Verwendung kleinerer Fleischportionen pro Teller
  • Beteiligung an den Mehrkosten für tierfreundliche Erzeugnisse mindestens ab Haltungsstufe 2
  • Kommunikationsmaßnahmen zum Tierwohl- und Qualitätsengagement im Betriebsrestaurant gegenüber Gästen
  • Einbindung des Betriebsrats und der Mitarbeitenden am Umstellungsprozess

... Caterer

  • Formulierung interner Leitlinien für die Beschaffung von Produkten aus tierfreundlicher Erzeugung
  • Kommunikationsmaßnahmen gegenüber Personal und Gästen
  • Aufbau von langfristigen, ggf. regionalen Partnerschaften zu Bauernhöfen, Mastbetrieben und Lieferanten
  • Quersubventionierung von Gerichten aus tierfreundlicher Erzeugung

... Lieferanten

  • Angebot und Ausbau an tierfreundlichen Erzeugnissen mindestens ab Haltestufe 2
  • Bevorzugung regionaler tierfreundlicher Erzeugnisse mindestens ab Haltestufe 2

... die Landwirtschaft

  • Zertifizierung nach dem ITW-Label oder höheren Standards
  • Aufbau von direkten, ggf. regionalen Partnerschaften mit Betriebscasinos und Lieferanten als Abnehmer tierfreundlicher Erzeugnisse mindestens ab Haltestufe 2
  • Unterstützung von Kommunikationsmaßnahmen gegenüber Tischgästen in Form von Informationstafeln, Tag der offenen Tür, etc.

Zur Tierwohl-Umfrage

100 Verantwortliche aus der Betriebsgastronomie unterschiedlicher Größe aus öffentlicher und aus privater Hand wurden per Telefon im Zeitraum November bis Dezember 2019 zum Einsatz von Produkten aus tiergerechter Erzeugung interviewt.

Die Befragung ist nicht repräsentativ, sie zeigt aber Trends auf und gibt Hinweise zur Einstellung zu Tierwohlprodukten und deren Einsatz in Betriebsrestaurants. Die Befragung bezog Eier, Milch und Milchprodukte, Fleisch und verarbeitete tierische Produkte, wie Feinkostsalate, in die Fragestellungen mit ein.

Bezug von Fleisch und Wurst

Zwei GV-Verantwortliche haben uns verraten, worauf es ihnen beim Einkauf von Fleisch- und Wurstrohwaren ankommt, ebenso wie bei Convenienceprodukten. Mehr dazu lesen Sie bald in der Juni-/Juli-Ausgabe des GVMANAGER (S. 17).

 

Sarah Hercht

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