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Seniorenversorgung der Zukunft

Datum: 30.10.2014Quelle: Foto: privat, Illustration: Lopez-Ruiz

Das Forschungsprojekt „CulinaryandHealth@Home“ der Hochschule Fulda will „Essen auf Rädern“ neu gestalten, um daraus ein zukunftsfähiges, multiplizierbares Nahversorgungsmodell zu entwickeln.

 

Ausgelöst durch den demografischen Wandel ist die Nachfrage nach haushaltsnahen Verpflegungs- und Versorgungsleistungen, die ein möglichst langes und selbstständiges Leben in den eigenen vier Wänden ermöglichen, kontinuierlich steigend. Laut statistischen Berechnungen wird die Zahl der 80-Jährigen bis zum Jahr 2050 von derzeit 3,7 auf 10 Mio. steigen. Vorliegende Studien zeigen desweiteren auf, dass sich aktuell 28 % der Altersgruppe der 70 bis 79-Jährigen einen Mahlzeitendienst wünschen – was nicht heißt, das sie das Angebot auch konkret wahrnehmen. Vor dem Hintergrund dieser gesellschaftlichen Entwicklungen und den damit verbundenen Herausforderungen ist am Fachbereich Oecotrophologie der Hochschule Fulda unter Leitung von Prof. Dr. Stephanie Hagspihl das praxisorientierte Forschungsprojekt „CulinaryandHealth@Home – Genuss, Gesundheit, Arbeit und Märkte in der Alterskultur (GGAMA) – Entwicklung eines bedarfs- und genussorientierten Verpflegungskonzepts für Senioren in Privathaushalten“ (Laufzeit: 01.03.14 – 28.02.17) gestartet. Am Ende des vierstufigen Forschungsprozesses soll ein zukunftsorientiertes Verpflegungs- und Versorgungsmodell stehen, das über die Befriedigung basaler Bedürfnisse („satt und sauber“) hinausgeht und sich stattdessen individuell auf die Ernährungsgewohnheiten und Vorlieben von Senioren einstellt – ohne den Gesundheitsförderungsanspruch zu vernachlässigen. Neben einem flexiblen Menüfahrplan sollen hierzu ein digitaler Einkaufs- und Ernährungscoach entwickelt, umgesetzt und ausgewertet werden. Erwartungen nach Genuss, Nachhaltigkeit und Ernährungsqualität sollen dabei mit ökonomischen Machbarkeitsaspekten in Einklang gebracht werden. “Senioren besitzen im Bereich der haushaltsnahen Dienstleistungen eine noch häufig unterschätzte Kaufkraft, aus der wirtschaftliches Wachstum, legale Beschäftigungsverhältnisse und Lebensqualität für diese Zielgruppe generiert werden können. Unser Forschungsprojekt bezieht sich auf das Geschäftsfeld „Essen auf Rädern“, mit dem bisher bundesweit schätzungsweise 320.000 Menschen von ca. 2.500 Menübringdiensten beliefert werden. Wir wollen aber bei der Entwicklung des Konzeptes über die Anlieferung von Mittagessen hinausgehen und so z.B. die aktuellen Entwicklungen im E-Food-Bereich zur Entwicklung eines Konzepts zur Ganztagesverpflegung mit aufgreifen. Aufgrund des schlechten Images des „Essens auf Rädern“ in Deutschland bei gleichzeitig hohem Ausbaupotenzial besteht Korrektur- bzw. Innovationsbedarf in dieser für den demografischen Wandel bedeutsamen Dienstleistungsbranche“, fasst Prof. Dr. Stephanie Hagspihl zusammen.

Interessante Forschungsdetails hat uns die Projektleiterin im Interview verraten:

 

Frau Hagspihl, was gab den Anstoß für das Projekt?

Aktuell sind die Unternehmen und sozialen Einrichtungen, die „Essen auf Rädern“ anbieten, darauf ausgerichtet unter hohem Kostendruck die Versorgung älterer Menschen mit Unterstützungsbedarf zu gewährleisten Qualitäts- und nachhaltigkeitsorientierte Werteprinzipien wie Kulinaristik, Genuss und Ressourcenerhaltung aber auch spezielle diätetische Anforderungen in sensiblen Lebensphasen wie z.B. nach Krankenhausaufenthalten oder aufgrund von Multimorbidität bleiben so oft unberücksichtigt. Der Wunsch der Zielgruppe nach Selbstbestimmung und Selbstständigkeit im Umgang mit der täglichen Ernährung wird nicht mit den derzeitigen Angeboten nur unzureichend berücksichtigt. Die hier etablierten Akteure benötigen interdisziplinäre, validierte Ergebnisse aus der Präventions-, Ernährungs- und Versorgungsforschung, die sich an den Belangen älterer Menschen orientieren, die wirtschaftlich machbar sind und dabei auch regionale Besonderheiten berücksichtigen.

 

Was erwarten Sie von diesem Projekt?

Das Projekt bearbeitet ein dringendes gesellschaftliches Problem: die bedarfsgerechte Versorgung älterer Menschen in Deutschland. Die Forschergruppe aus Wissenschaft und Wirtschaft entwickelt hierfür einen konkreten Nahversorgungsansatz zur Verbesserung des Ernährungsalltags zu Hause lebender Senioren mit Unterstützungsbedarf. Der Blick der Forschergruppe richtet sich dabei sowohl auf urbane als auch ländliche Räume. Supermärkte, Poststellen, Geldinstitute und selbst Hausärzte auf dem Land ziehen sich mehr und mehr zurück, da die Bevölkerung überaltert und die jungen Menschen in die Städte gezogen sind. Im Rahmen der Pilotierung sollen hier Lösungsansätze durch Vernetzung erprobt und wissenschaftlich evaluiert werden. Durch die interdisziplinäre Zusammensetzung der Forschergruppe und die Kooperation mit Wissenschaftlerinnen der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg soll die Bedürfnisse der Zielgruppe und die Versorgungsstrukturen in urbanen und ländlichen Räumen ermittelt werden. Das praxisorientierte Konzept muss sich gegen die vielerorts zu beobachtende Schieflage im Preis-/Leistungsverhältnis von „Menübringdiensten“, dem „Essen auf Rädern“, durchsetzten. Es geht am Ende um ein Innovationsbeispiel für Kooperationen zwischen kommunaler Gesundheits- und Cateringwirtschaft bzw. dem Lebensmittelhandel. Anhand der Identifikation hemmender und fördernder Faktoren soll dargestellt werden, wie die DGE-Qualitätsstandards für das „Essen auf Rädern“ in die Praxis umgesetzt werden können. Das Verpflegungskonzept mit digitaler Ernährungs- und Einkaufsassistenz soll so ausgestaltet sein, dass Kosten optimiert, kulinarische und gesundheitsfördernde Ansprüche integriert und möglichst niedrige Emissionen in der gesamten Wertschöpfungskette erzeugt werden.

 

Einen Forschungsschwerpunkt bildet der Aspekt “Technik” – wie sieht dieser Einsatz im Detail aus?

Es geht um die Entwicklung, prototypische Umsetzung und Evaluierung eines Gesamtansatzes, der Maßnahmen der Versorgung mit Gütern des täglichen Ernährungsbedarfs in Verbindung mit präventiven Gesundheitsmaßnahmen und haushaltnahen Dienstleistungen strategisch bündelt und dabei die Möglichkeiten der digitalen Technik seniorensensibel integriert. Die Forschungsidee: Über einen barrierefreien Touchscreen kann das Gericht/Lebensmittel/Artikel im Internet oder via Pad/Smartphone ausgewählt und bestellt werden. Alle Bestellungen und sonstigen Eingaben z.B. durch den Pflegedienst, den Hausarzt oder Angehörige werden kontinuierlich mit den im System hinterlegten individuellen Ernährungsanforderungen abgeglichen und über eine Ernährungssoftware mit den in den vergangenen Tagen konsumierten Lebensmitteln (Food Frequency) verrechnet. So können auf Wunsch diätetische Defizite bei den einzelnen Senioren identifiziert und mit individualisierten Empfehlungen zur Lebensmittelauswahl oder dem Mobilitätsfaktor positiv gegengesteuert werden. Letztlich geht es um eine Balance zwischen Selbsthilfe und professioneller Unterstützung.

Vieles spricht für die Virtualisierung der Ernährungsversorgung, die im klinischen und stationären Bereich schon mehr und mehr greift: Da sind die Vorteile für die Gesundheitsversorgung im Prozess des Älterwerdens, die Schaffung von Kostenersparnissen für unser Gesundheitssystem und lokale Synergieeffekte bis hin zu neuen Berufsbildern und Arbeitsplätzen. Vor allem aber bliebe mehr Zeit für zwischenmenschliche Fürsorge und damit Lebensqualität.

 

Wie soll das Projektziel erreicht werden?

Das Projekt bedient sich zur Erreichung der Arbeitsziele einer Kombination quantitativer und qualitativer Methoden. Diese werden in einen Forschungsviererschritt (Analyse, Entwicklung, Umsetzung, Evaluation) eingebunden: Forschung, Innovation und Entwicklung befinden sich in einem Prozess kontinuierliche Rückkopplung. Aufbauend auf die Ergebnisse der Sekundäranalyse in zuvor definierten Applikationsfeldern, will die Forschergruppe eine ausgewählte Stichprobe von Seniorenhaushalte (ländlich/städtisch) zu ihren Ess- und Lebensgewohnheiten befragen. Auf dieser Grundlage wird ein Produktportfolio/Speiseplan mit diätetischen Aspekten für Frühstück, Abendessen, Mittagessen und Zwischenmahlzeiten erarbeitet. Den Entwicklungsrahmen des Verpflegungskonzepts mit digitaler Ernährungs- und Einkaufsassistenz bilden Workshops mit Experten aus den Bereichen Catering, Pflege, Produktion, Ernährungswissenschaft und -medizin, Handel, Logistik und Informatik. So sollen Erfolgskriterien, mögliche Stolpersteine sowie mögliche Effekte frühzeitig berücksichtigt werden.

 

Das klingt vielversprechend – gibt es auch Risiken?

Möglicherweise ergibt sich aufgrund der identifizierten Erfolgsindikatoren eines alterssensiblen Verpflegungskonzepts mit digitaler Ernährungs- und Einkaufsassistenz, dass Synergieeffekte mit bestehenden Catering- und Pflegestrukturen nicht oder nur in geringem Umfang realisiert werden können. Auch ist derzeit offen, wie hoch die Akzeptanz und damit Zahlungsbereitschaft für diese nicht durch das Sozialsystem abgedeckte Dienstleistung seitens der Seniorenhaushalte tatsächlich ist. Eine übergreifende Zusammenarbeit zwischen Caterern, Produzenten, Logistikern, Pflegeeinrichtungen, -diensten, Kommunen, Sozialpartnern und Gestaltungspartnern im Sinne einer „Sorgenden Gemeinschaft“ vor Ort könnte zusätzliche Finanzierungsmöglichkeiten eröffnen, die zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend festgelegt werden können. Hier wird es wesentlich auf das Engagement der Akteure vor Ort ankommen, innovative und den jeweiligen Bedingungen angepasste Versorgungsstrukturen kooperativ aufzubauen bzw. finanzierbar zu machen. Die beteiligten Partner aus Wissenschaft und Praxis sehen im Forschungsvorhaben jedoch deutlich mehr Chancen als Risiken.

Danke für das Gespräch! lan 

Gastroinfoportal

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