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„Hürden nur in den Köpfen der anderen“

Datum: 14.10.2021Quelle: B&L MedienGesellschaft | Bild: Lebenshilfe Heinsberg e. V. | Ort: München

Sebastian Erfurth kannte nie Berührungsängste, wenn es um das Zusammensein mit Menschen mit Behinderungen geht. So absolvierte der 41-Jährige bereits seine Kochausbildung bei einem Träger der Behindertenhilfe. Seit 2020 arbeitet er als Küchenleiter der Lebenshilfe Heinsberg e. V. mit und für behinderte Menschen. In seinen Aufgabenbereich fallen zwei Produktionsküchen, zwei Verteilerküchen sowie drei öffentliche Cafés. In seinem Bereich sind 84 Menschen mit Einschränkungen tätig, dazu 36 Angestellte, die allesamt Fachkräfte aus den jeweiligen Berufsbereichen sind und eine Zusatzausbildung zur Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung haben. Mit seiner integrativen Mannschaft produziert er täglich 1.600 Mahlzeiten, u. a. auch für Schulen und Kitas, sowie rund 25 Eigenprodukte wie Fruchtaufstriche oder Kräuteröle.

Wie denkt Sebastian Erfurth über Vorurteile? Wie macht er Inklusion in seinem Verpflegungsbetrieb zum Erfolgsrezept?

Herr Erfurth, welche Soft Skills braucht eine Führungskraft in einem integrativen Betrieb?

Die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen verlangt in erster Linie Fingerspitzengefühl. Man muss Augen und Ohren weit offen halten, um Befindlichkeiten rechtzeitig zu erkennen und reagieren zu können. Welche Fähigkeiten jemand mitbringt, offenbart sich oft nicht sofort. Es geht darum, behutsam zu fördern, ohne zu überfordern, täglich für kleine Erfolgserlebnisse zu sorgen. Wenn man dies im Blick hat, ist das die einzige Herausforderung, die über die generellen Aufgaben einer Führungskraft hinausgeht.

Bei welcher Art von Großküche bzw. welchen Tätigkeiten lassen sich Menschen mit Behinderung gut einbinden?

Innerhalb einer Qualitätsküche mit Gesundheitswert, die mit kleinteiligeren Tätigkeiten einhergeht, können behinderte Mitarbeitende eine echte Bereicherung sein. Doch sie brauchen Arbeitsbedingungen, die sie nicht überfordern. Betriebsleiter müssen den Druck rausnehmen und für ein gutes Arbeitsklima sorgen, was übrigens dem gesamten Team gut täte. Dann wachsen Menschen – mit oder ohne Handicap – garantiert über sich hinaus!  Viele Menschen mit Einschränkung punkten mit Inselbegabungen. Einer konnte Melonen zu wahren Kunstwerken schnitzen. Ein anderer hat eine Barista-Ausbildung gemacht und betreut die Siebträgermaschine ganz allein. Ein weiterer Mitarbeiter lernte alles über Latte-Art und zaubert nun tolle Muster in den Milchkaffee. Schade, wenn solche Begabungen weder erkannt, noch genutzt werden.

Ob Zentralküche, Café, Veranstaltungscatering oder Convenience-Produktion – mit Ihrem Team sind Sie sehr serfolgreich. Warum scheuen dennoch viele Arbeitgeber die Zusammenarbeit mit behinderten Menschen?

Viele Entscheider in der Gastronomie kommen gar nicht auf die Idee, die Zusammenarbeit einmal auszuprobieren.

Für mich unverständlich: Die Akquise von Personal aus anderen Kulturkreisen ist für viele inzwischen selbstverständlich. Sprachbarrieren werden offenbar eher in Kauf genommen, als geistige, psychische oder körperliche Einschränkungen.

Dabei ist Wissen doch viel schwerer zu vermitteln, wenn der Mensch eine andere Sprache spricht! Die Anforderungen, die Menschen mit Behinderung mitbringen, sind meist kleiner und oft nur in den Köpfen der anderen groß. Unsere Mitarbeitenden im Samocca-Café sind in vielen Aufgabenbereichen verantwortlich mit eingebunden, bedienen sogar die Touchscreen-Kasse! Zwar bekommen Schwerbehinderte mehr Urlaub, doch die Fehltage sind erfahrungsgemäß weniger.

Was raten Sie Kollegen in GV-Betrieben, die einen behinderten Menschen ins Team holen wollen?

Man sollte das Gespräch mit Einrichtungen wie der Lebenshilfe suchen. Profis helfen weiter. Der Einstieg mit einem Praktikumsangebot ist für den Betrieb ohne jedes Risiko. Man kann sich gegenseitig kennenlernen und wird professionell in Bürokratie und Praxis unterstützt. Man kann offen über Herausforderungen sprechen und Mehrwerte gemeinsam erarbeiten. Wir engagieren uns für eine Vermittlung unserer Mitarbeiter mit Behinderung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt und haben in den vergangenen Jahren einige tolle Erfolge erzielt.

Unternehmen erhalten übrigens umfangreiche Unterstützung wie das Budget für Arbeit, wenn sie Menschen mit Behinderung einstellen. Diese kooperativen Angebote sind inzwischen so niedrigschwellig, dass es keine Barrieren mehr geben sollte.

Und wenn’s nicht passt: Die Werkstätte bietet dem Menschen mit Behinderung jederzeit die Möglichkeit, zurück zu kehren.

Hand aufs Herz: Kann Inklusion im Kampf gegen den Fachkräftemangel eine Chance sein?

Menschen mit Behinderung können vielleicht keine Fachkraft zu 100 Prozent ersetzen. Aber wir können Menschen beruflich bilden und sie mit fachlicher oder auch technischer Unterstützung dazu befähigen, ein wichtiger Teil unserer Arbeits- und Wertschöpfungskette zu werden. Gerade im Care-Bereich werden heute viele Küchen geschlossen oder auf Kaltverpflegung beschränkt. Da gibt es viele Tätigkeiten, die auch von Menschen mit Einschränkungen gut bewältigt werden können. Meine Mitarbeitenden machen z. B. mit Hilfe von Fotos völlig selbstständig unsere Salate. Doch behinderte Menschen dürfen nicht als billige Arbeitskräfte gesehen werden. Es muss einen Rahmen geben, der für die Fähigkeiten dieser Mitarbeitenden passt und in dem sie sich ganzheitlich weiterentwickeln können. Standardisierung der Produktionsprozesse und die Arbeit mit Piktogrammen helfen dabei. Menschen mit Behinderungen müssen vollwertige Teammitglieder sein. Nur dann kann Inklusion gelingen.

Herzlichen Dank fürs Gespräch!

Interessiert an weiteren Beispielen erfolgreicher integrativer Gastro-Konzepte? In GVMANAGER 9/2021 haben wir über Iwentcasino, eine Marke der Isar-Würm-Lech IWL Werkstätten für Menschen mit Behinderung berichtet sowie über die Küche des Schwarzwald-Baar Klinikums Villingen-Schwenningen als Nicht-Werkstättenbetrieb.

Cornelia Liederbach / Redaktion GVMANAGER

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