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Gastro-Konzepte

Made in the USA

Datum: 03.06.2020Quelle: Redaktion Gastroinfoportal; Foto: stock.adobe.com ©weyo | Ort: München

Die Vereinigten Staaten mögen vielleicht nicht der Hort von Haute Cuisine sein – auch wenn generalisierte Aussagen à la „das einzige US-Gastro-Konzept sind Fast Food und Drive-In-Restaurants“ sträflich falsch sind. Was die USA aber immer wieder unter Beweis stellen, sind enorme Kreativität gepaart mit einer frech-forschen Vorgehensweise frei nach dem Motto „wenn es passt, dann passt’s“. Kein Wunder also, dass sich zwischen Sea and Shining Sea (also zwischen Atlantik und Pazifik) einige bemerkenswerte Restaurants und Gaststätten etabliert haben, deren Gastro-Konzepte mit Fug und Recht als herausragend bezeichnet werden dürfen – und damit vielleicht auch als Inspiration für hiesige Betreiber infrage kommen.

  1. Das Auto Spa Bistro (Atlanta, Georgia)

Der Volksmund weiß, dass in fast jedem Klischee ein Körnchen Wahrheit zu finden ist. Dementsprechend sollte es nicht verwundern, dass die amerikanische Gastronomie tatsächlich viele Kombinationen von Kraftfahrzeugen auf der einen Seite und Fast Food auf der anderen hervorgebracht hat – auch fernab des Drive In.

Das Auto Spa Bistro in Atlanta ist angesichts dessen eigentlich nur eine logische Schlussfolgerung: Es ist, selbst in jenen großen US-Städten, wie auch Atlanta eine ist, in weiten Teilen schwer bis unmöglich, Restaurants mit etwas anderem zu erreichen als dem (eigenen) Auto. Doch wo die meisten anderen Gastronomien dieser Tatsache nur besagten Drive-In-Schalter und American Size Parkplätze gegenüberstellen, treibt das Auto Spa Bistro den Gedanken viel weiter: Warum nur für das leibliche Wohl der Fahrzeuginsassen sorgen, wenn gleichzeitig auch das motorisierte Blech Pflege bekommen kann?

Im lilafarbigen Plüsch-Interieur des Restaurants gibt es Handfestes aus der US-Küche zwischen üppigen Frühstückswaffeln, den obligatorischen Burgern und Omeletts – alles fahrzeugthematisch benannt. Der Clou: Während die Fahrzeugbesatzung sich den Gaumengenüssen widmet, bekommt das Fahrzeug selbst gleich nebenan ein eigenes Wellness-Programm, das von der Außenwäsche übers Einwachsen bis hin zur Komplett-Aufbereitung reicht. Und weil das in der Regel länger dauert als der Restaurantbesuch, ist das Auto Spa Bistro mit Fernsehern, Bartresen und Co. so ausgestaltet, dass der Aufenthalt auch nach Beendigung des Menüs nicht in Langeweile umschlägt.

  1. Das Straw Carnival Fare (San Francisco, California)

Ein Grund, warum die USA, zumindest unter manchen Kennern höchster Gaumengenüsse, keinen sonderlich guten Ruf haben, liegt im sozialhistorischen Background dieses Landes: Ein Schmelztiegel unterschiedlichster Stände, Kulturen und Herkünfte. Und alle brachten ihre Spezialitäten der heimischen Küche mit – die dadurch entstehende Melange ist manchen oft zu wenig präzise, zu wenig edel, hat auch zu häufig den Charakter eines „Armeleute-Essens“. Doch so, wie die USA es vermochten, all diesen Menschen ein gemeinsames Dach als Americans zu geben, durch dass die US-Kultur ein faszinierender Mix aus globalen Einflüssen wurde, verhält es sich auch mit der Küche:

Wo vom Argentinier bis zum Zyprioten unzählige Hintergründe nebeneinander leben, sind die kulinarischen Neukreationen oft genug auch mehr als die Summe ihrer Teile. Nicht bloß ein liebloser Mix, sondern ein echter Gewinn, der nur durch den Blick über den länderspezifischen Tellerrand entstehen konnte.

In diesem Sinne ist das Straw Carnival Fare in San Francisco der vielleicht beste Beweis dafür, was passiert, wenn diese ur-amerikanische Kreativität völlig freidrehen darf. Das Restaurant selbst ist unspektakulär eingerichtet, ist keine technische Augenweide wie das KI-Restaurant in der gleichen Stadt. Die wahre Attraktion im Straw findet sich auf der Speisekarte. Dort lautet das Motto „Jahrmarkt für den Gaumen“. Das bedeutet nicht kandierte Äpfel und Zuckerwatte, sondern Dinge wie Hamburger, die sich als glasierte Donuts verkleiden, Pizzasuppe oder auch frittiertes Hähnchenfleisch, das sich zwischen zwei Waffeln verbirgt.

Alles für traditionell gestimmte Gaumen auf den ersten Blick reichlich weird, spätestens auf den zweiten Bissen jedoch außergewöhnlich, lecker und ein ebenso funktionierender Schmelztiegel wie das Land selbst – und preisgekrönt noch dazu.

  1. Das Honey Salt (Las Vegas, Nevada)
Las Vegas besteht nicht nur aus Casinos. Ebenso ist auch die Küche nicht nur auf „Hauptsache schnell und viel” ausgerichtet. Stock.adobe.com ©Roman Akhmetov

Las Vegas gehört zu jenen US-Städten, die wohl jeder Deutsche kennen dürfte. Und die Glitzerstadt in der Wüste ist vollkommen zurecht ein Touristenmagnet, der mit einer gigantischen Auswahl an Geschichte und Zeitvertreiben locken kann – nicht nur, aber natürlich auch Casinos.

Dieser Bekanntheitsgrad, genährt nicht zuletzt dadurch, dass Las Vegas immer wieder Bestandteil von Filmen und Serien ist, hat jedoch bei vielen, die die Stadt nicht wirklich kennen, zu einer recht einseitigen Sicht geführt: Alles sei dort oberflächlich, nur auf schnelle Schlagzahlen von Touristen ausgelegt, die anreisen, möglichst viele Umsätze bei wenigen Betriebskosten bescheren und rasch wieder abreisen sollen.

Ja, auch das ist Las Vegas. Aber nur ein kleiner Teil davon. Was viele vergessen:

  1. Ansprüche steigen auch unter Normal-Touristen seit Jahren. Auch diese Klientel erwartet in den Hotels und Gaststätten immer besseren Service.
  2. Jahr für Jahr kommen Millionen hierhin. Es herrscht ein enormer Konkurrenzdruck, der auch dazu führte, dass die Qualität immer wieder steigen musste und die Stadt sich dauerhaft wandelt.
  3. Las Vegas ist nicht nur eine Touristen- und Schnell-Hochzeitsstadt, sondern eines der global wichtigsten Messezentren überhaupt.

Summa Summarum: Hier gibt es nicht nur das Klischee vom schnellen Billig-Buffet zweifelhafter Qualität, sondern viel mehr das genaue Gegenteil; Las Vegas hat einen Ruf zu verlieren, auch in kulinarischer Hinsicht.

Aus dieser Sicht ist das Honey Salt in Las Vegas krasser Gegenentwurf zu dem, was das (Film-)Klischee diktiert. Das Restaurant ist hier der vielleicht edelste Vertreter der New American Cuisine: Spitzenküche, hochwertige, frische Zutaten, keine Spur von Fast Food. Hier trifft die Vorspeisen-Tomatensuppe mit Granatapfelsamen und Pinienkernen auf karamellisierte Meeresmuscheln mit Vanilleschoten-Trüffelsoße, auf Lavendel-Chia-Pudding und Frühstücks-Pizza mit Broccoli und Rührei.

Alles hier funktioniert nach dem Motto „Farm-to-Table“, ist so saisonal und regional wie es in diesem weitläufigen Land überhaupt möglich ist. Dieser Unterschied zieht sich auch bis ins Ambiente des Honey Salt, das so gar nicht nach Las Vegas wirken möchte, sondern sich als hochwertiges, streckenweise luxuriöses, aber dennoch gemütliches Restaurant präsentiert, das nicht nur auf Amerikaner einen gewissen Euro-Touch versprüht.

  1. Das SafeHouse (Milwaukee, Wisconsin)

Gute Küche ist das Eine. Etwas anderes ist es jedoch, die gastronomischen Köstlichkeiten auch in einem wirklich außergewöhnlichen Paket zu verpacken. Das wiederum ist eine Kunst, in der die USA vollumfänglich brillieren. Denn in dem Land kann eigentlich keine Idee zu schräg sein, als dass sie einen Gründer davon abhalten würde, einen gastronomischen Betrieb daraus zu eröffnen – und wenn es eine im 50er-Jahre-Wildwest-Kitsch gehaltene Motel-Kette ist, die ihre Gäste in einer Art Wigwam-Dorf in Tipi-Zelten unterbringt.

Im Vergleich zu solchen Extremen mutet das SafeHouse in Milwaukee geradezu harmlos an. Allerdings ist das Programm dort enorm stringent durchgezogen. Ein Safe House bezeichnet in der Sprache der Geheimdienste ein sicheres, das heißt vom Geheimdienst betriebenes Gebäude in Feindesland. Ein Ort, an dem James Bond und Co. verschnaufen, Wunden kurieren, Waffen nachladen können.

Nach diesen Kriterien operiert auch das SafeHouse – und zwar minutiös. Schon der Eingang steht nicht allen offen. Entweder kennt man das aktuelle Passwort oder man muss eine kleine Mission erfüllen, damit die verbarrikadierte Tür sich öffnet. Es lohnt sich. Innen ist das Haus in mehrere Themenbereiche unterteilt. Ein Raum wirkt mit Schlagbaum und Schilderhäuschen wie eine schwerbewachte Staatsgrenze, im nächsten decken Neon- und Schwarzlicht alles auf, was Besucher womöglich „hineinschmuggeln“ könnten. Und über allem thront ein Potpourri aus Spionage-Devotionalien und Filmfotos.

Essen gibt es natürlich auch – standesgemäß als „Stasi Twists“, „Smersh Burger“ und „The Provocateur“ bezeichnet. Dahinter verbergen sich dann, es ist ja ein amerikanisches Safe House, natürlich typische US-Leckereien zwischen Steak, Burger und diversen Drinks.

  1. Das Federalist Pig (Washington DC)
Ein anständiges Barbeque bringt alle Amerikaner an einen Tisch – und für Tester macht das Federalist Pig zumindest cfas beste in Washington DC. Stock.adobe.com © New Africa

Man kann den Amerikanern manches vorwerfen – allerdings nicht, dass sie keine gehörige Portion Selbstironie mitbringen würden. Auch und gerade bei den Grundfesten ihres Landes. Das gilt selbst in der Hauptstadt vom Land of the Free and Home of the Brave, Washington DC.

Dass es hier ein Restaurant gibt, dass sich (sinngemäß, nicht bloß wortwörtlich übersetzt) das Föderalistenschwein nennt, zeigt diese Geisteshaltung sowohl aufs Vorzüglichste wie Amüsanteste – just in Washington, wo ein Großteil aller Bewohner in irgendeiner Weise im föderalistisch-politischen System der USA beschäftigt sind oder in einem Zweig, der von dessen Existenz abhängt.

Dabei ist das Federalist Pig in Washington DC – das übrigens in der finalen Staffel der Polit-Molloch-Serie „House of Cards“ einen prominenten Cameo-Auftritt hatte – kein sonderlich außergewöhnliches Restaurant. Der Name ist hier Programm: Barbecue fürs Volk. Allerdings, es ist schließlich Washington, in einer Qualität, die selbst hochstehende Politiker aus Senat und Repräsentantenhaus mit langjähriger Dinnerparty-Erfahrung zufriedenstellt.

Dahinter steckt keine mangelnde Kreativität, viel mehr ein genialer gastronomischer Schachzug: Barbecue, ferner damit gefüllte Sandwiches, gehört zu denjenigen (wenigen) US-Gerichten, auf die sich wirklich alle Amerikaner aller 50 Staaten einigen können; auch wenn es viele regionale Unterschiede gibt. Kaum ein Gericht würde sich besser eignen, um nicht nur sprichwörtlich alle an einen Tisch zu bringen.

Dass sich dieser Tisch dann auch noch in einem gemütlichen, so gar nicht politisch-überseriösen Ambiente befindet, macht die Sache nur noch besser – selbst der Guide Michelin urteilte „might just be some of the best ‘cue you’ll find in town.

Florian Harbeck / Gastroinfoportal

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