
Kelkheim. In der neuen Studie „Die Netzgesellschaft" des Zukunftsinstituts zeigen die Autoren Andreas Haderlein und Janine Seitz die Schlüsseltrends des digitalen Wandels auf. Im Zentrum der Studie steht die sozio-digitale Dimension des Internet, d.h. die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen, und weniger die technologischen Aspekte der Entwicklung. Das Autorenteam durchleuchtet dabei alle Facetten der Verbreitung des World Wide Web und untersucht dessen Einfluss auf unser Leben. Das Internet ist bereits ein solch starker Bestandteil unseres Alltags, dass wir seine Auswirkungen vielfach nicht (mehr) bewusst wahrnehmen. So lenken bspw. smarte Algorithmen im Hintergrund unsere Suche im Netz. Über den „Like"-Button, den Facebook-Daumen, wird der Nutzer schnell zum Befürworter einer Sache, die selten hinterfragt wird.
Die Studie bietet dem
Leser einen Rundgang durch das eigene Leben, bei dem alle Facetten des
digitalen Lebens plastisch vor Augen geführt werden. Zahlreiche Aha-Effekte
werden ausgelöst, wenn sich Beobachtungen des eigenen Alltags plötzlich
erklären und sich in einem größeren Zusammenhang erschließen.
Das
erste der zwei Studienkapitel liefert eine umfassende Bestandsaufnahme der
Netzgesellschaft. In zehn Unterkapiteln werden wichtige Lebensbereiche von
Freizeit über Konsum bis Arbeit und Politik unter die Lupe genommen. Jeder
Abschnitt schließt mit prägnanten Zusammenfassungen, die durch weiterführende
Lese- und Linktipps ergänzt werden. „Das Netz ist Alltag - der Alltag (auch) im Netz." Welche Macht dem Internet
zuteil wird, zeigt der jüngste Skandal um Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg.
Die kollaborative Plagiatsdokumentations-Plattform http://de.guttenplag.wikia.com deckte
schonungslos alle Plagiatsfragmente auf und beschleunigte somit den Rücktritt
des einstigen Vorzeigepolitikers. Das Beispiel verdeutlicht, dass neben der
Weitergabe von Trends und Moden auch politischen Meinungen und Empörungen viel
schneller Gehör verschafft werden kann und somit Veränderungen in politischen
Strukturen ermöglicht werden.
Der User ist heute ein aktiver Player - mit Risiken, aber vor allem mit Chancen
für die Wirtschaft. Laut den Studienautoren heißt werben in der
Netzgesellschaft vor allem: werben lassen. IKEA-Fans drehten in einem Möbelhaus
ohne das Wissen von IKEA ein spontanes Video. Anstatt weitere Drehs zu
verbieten, entschloss sich IKEA die virale Verbreitung durch die Comedy-Soap
„IKEA Heights" im Internet noch zu verstärken (www.ikeaheights.com). Soziale Netzwerke
wie Twitter, Facebook und Co. revolutionieren nicht nur das Marketing, sondern
lösen auch Umbrüche in der publizistischen Ökonomie aus. Und rütteln
gleichzeitig am Selbstverständnis des Journalismus. Das obligatorische
Kommentarfeld unter jedem guten Online-Artikel ist nur ein Indiz dafür. Um herauszufinden, inwieweit das Internet die Bereiche Religion und
Spiritualität sowie Politik und Bildung durchdringt, wurden jeweils drei
Vorreiter in ihrer Sparte interviewt. Tom Noeding, verantwortlich für die
Plattform evangelisch.de und Community-Manager der ersten Stunde, liefert
Antworten zur Rolle der neuen Medien für Glaube und Religion. Der Berater und
Internet-Aktivist Christian Kreutz erläutert im Interview, inwieweit die
Konzepte von OpenData und OpenGovernment unser Verständnis von Politik und
Demokratie verändern. Des Weiteren sprach Andreas Haderlein mit einem Lehrer
einer mittelhessischen Gesamtschule über die Rolle von sozialen Netzwerken im
Schüler-Lehrer-Verhältnis.
Zahlreiche fundierte Praxisbeispiele sowie anschauliche Infografiken (z.B. „Die Matrix des Medienwandels" oder „Internetnutzer-Typologien im Vergleich") untermauern die Ausführungen des Autorenteams und liefern einen Ausblick in die Netzwelt von morgen. Die Studie schließt mit fünf Thesen zu digitalen Netzwerken. Alle in der Studie eingeführten Begriffe werden in einem Glossar ausführlich erläutert.
Die Netzgesellschaft
Andreas Haderlein, Janine Seitz. ISBN: 978-3-938284-58-2