
Berlin. In einer öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz stand das Thema Schulverpflegung erstmalig im Mittelpunkt. Wie wurde die Anhörung von den Experten wahrgenommen und was sind die nächsten Schritte? Dr. Michael Polster vom DNSV fragte nach.
„Der 30.11.2011 ist ein historisches Datum für den Deutschen Bundestag", betonte der Vorsitzende des DNSV, Dr. Michael Polster. An diesem Tag stand erstmalig das Thema Schulverpflegung auf der Agenda einer seiner Ausschüsse. Den Anstoß hierzu gab die Sonderschau Schulverpflegung des DNSV auf der didacta 2011 in Stuttgart. Die gesunde Ernährung von Kindern werde an allen Orten thematisiert - doch oft bliebe es ein Lippenbekenntnis. Die Qualität der Speisen und die Rahmenbedingungen, in denen Schulverpflegung stattfinde, seien nach wie vor verbesserungswürdig. „Die Schulverpflegung muss langfristig und solide finanziert werden", brachte es ein Ausschussmitglied auf den Punkt. „Eine qualitative Schulverpflegung ist ebenso Aufgabe der Gesundheits- und Bildungspolitik. Um die Schulen in der Umsetzung der Schulverpflegung zu entlasten, braucht es Fachpersonal in den Schulen, die die Organisation überwachen."
(Sehen Sie die Anhörung hier)
Wie schätzen Sie die Anhörung ein?
Hans-Michael Goldmann (MdB):
„Ich bin sehr froh, dass wir die Anhörung zur Schulverpflegung durchgeführt haben. In den letzten Jahren ist das Thema vermehrt in der Öffentlichkeit diskutiert worden. Mir ist die Brisanz des Themas bewusst geworden. Daher ist es richtig, so früh wie möglich über gesunde Lebensmittel und deren Zubereitung aufzuklären und dies auch in den Schulen im Rahmen eines pädagogischen Konzepts umzusetzen. Die Anhörung hat gezeigt, dass es engagierte und kompetente Ansprechpartner gibt, die mit Kopf und Hand und Herz bei der Sache sind. Zwischen allen Anwesenden herrschte Konsens, dass die Qualität und die Wertschätzung der Schulverpflegung in ihrer Bedeutung steigen muss. Das Kredo lautet: ‚Ernährung muss in der Schule gelegt werden‘. Es muss gelingen, in allen Schulen Deutschlands ein clevers Schulverpflegungssystem aufzubauen, bei dem im wahrsten Sinne des Wortes Schüler und Caterer auf ihre Kosten kommen. So ist es auch möglich, den Kampf gegen Übergewicht aufzunehmen und damit einhergehend die Kosten für das Gesundheitssystem zu reduzieren."
Dr. Andrea Lambeck, Geschäftsführerin Plattform Ernährung und Bewegung (peb):
„Dadurch, dass sich der Bundestagsausschuss mit dem Thema Schulverpflegung befasste, wurde dem Thema die dringend notwendige politische Aufwertung zugetragen. Die politischen Entscheidungsträger konnten mit der Anhörung davon überzeugt werden, dass ‚Investitionen‘ in die Schulernährung einen lohnenden Beitrag zur Verbesserung des Wohlbefindens, der Gesundheit und des Leistungsvermögens von Schülern leisten können. Von den damit verbundenen mittel- und langfristig verminderten Gesundheitskosten könnte die ganze Gesellschaft profitieren."
Sabine Lauxen, Ministerin für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz, NRW:
„Die Anhörung hat deutlich gemacht, dass für die Abgeordneten aller Parteien das Thema Schulverpflegung große Relevanz hat. Wir sind dank der Arbeit der Vernetzungsstellen Schulverpflegung - die vom Bund und den Ländern finanziert werden - schon einen großen Schritt weitergekommen, aber noch längst nicht am Ziel."
Prof. Dr. Georg Koscielny, Wiss. Zentrum für Catering, Management und Kulinaristik, Hochschule Fulda:
„Die Anhörung war sicher nur ein erster Schritt. Ich denke, wir haben eine Sensibilisierung zum Thema geschaffen, die wir nun nützen müssen, um bei den Abgeordneten den entstandenen Eindruck in die richtige Richtung zu lenken. Es ist deutlich geworden, wie komplex das Thema ist und dass es nicht allein mit der Verlängerung der Finanzierung der Vernetzungsstellen zu lösen ist. Dies ist nur eine flankierende Maßnahme, die nicht wirklich in den Prozess der Schulverpflegung eingreift."
Welches sind aus Ihrer Sicht die nächsten Aufgaben?
Hans-Michael Goldmann (MdB):
„War wir zwingend brauche, ist die Einbindung von Ernährungsbausteinen in den Schulalltag. Ein pädagogisches Begleitkonzept und eine hochwertige Verpflegung sind zwingend, um eine aktive Teilhabe der Schüler zu erreichen. Länder und Kommunen sind in der Pflicht, eine kluge Finanzierung und Ausgestaltung zu sichern, um damit ihrem Erziehungsauftrag und ihrer Gesundheits- und Bildungsverpflichtung gerecht zu werden. Es muss das Ziel sein, nicht nur Kinder und Jugendliche an einen Tisch zu setzen, um sie an einen ausgewogenen Ernährungs- und Lebensstil heranzuführen, sondern alle Akteure sind aufgefordert, ein positives Gelingen der Schulverpflegung zu verwirklichen. Wichtig hierbei ist das Miteinander zwischen Elternhaus und Schule."
Dr. Andrea Lambeck, Geschäftsführerin peb:
„Mit der Anhörung setzte der Bundestagsausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz bereits ein politisches Signal, das Thema Schulernährung zukünftig intensiv zu bearbeiten. Mit den Vernetzungsstellen Schulverpflegung hat die Bundesregierung ihm Rahmen des Nationalen Aktionsplans In Form bereits eine Struktur geschaffen, über die Veränderungen in den Schulen begleitet werden können. Diese gilt es auszubauen und im Sinne der ganzheitlichen Gesundehitsförderung um Instrumente der Bewegungsförderung zu ergänzen. Darüber hinaus ist eine Kopplung mit dem Projekt der Plattform Ernährung und Bewegung (peb), „Regionen mit peb", denkbar."
Sabine Lauxen, Ministerin für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz, NRW:
„Wir müssen die Finanzierung der Vernetzungsstellen für die nächsten Jahre auf eine sichere Grundlage stellen. Hier muss der Bund sich seiner Verantwortung bewusst sein und mit den Ländern gemeinsam die nötigen Mittel zur Verfügung stellen. Die Politik muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass allen Schülern eine gesunde und nachhaltige Schulernährung zur Verfügung steht."
Prof. Dr. Georg Koscielny, Wiss. Zentrum für Catering, Management und Kulinaristik, Hochschule Fulda:
„Was wir brauchen, ist die Steuerung der Schulverpflegung und der Ernährungsbildung vor Ort, in den Landkreisen, Städten und vor allem den Schulen. Wenn ich die von Volker Peinelt genannten Koste von 2 Mrd. E für die kostenfreie Verpflegung der Ganztagsschüler betrachte, dann bedeutet das, dass nach zwei Jahren nichts bleibt, was die Situation verbessert. Alles aufgegessen. Für 12.000 Ganztagsschulen würden 12.000 Schulökotrophologen lediglich rund 500 Mio E. kosten und nach max zwei Jahren hat sich die Situation der Schulverpflegung mit Sicherheit vollkommen verändert. Darüber hinaus können wir davon ausgehen, dass mit der Akzeptanzerhöhung auch die Chance besteht, die Schulökotrophologin aus den Einnahmen zu finanzieren. In jedem Fall wäre dies eine super Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und die Entwicklung eines neuen Berufsbildes mit höchsten Nachhaltigkeitseffekten."
Herzlichen Dank für die Gespräche. dmp
Redaktion Schulverpflegung/dmp
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